Arbeiterführer reloaded

Steinbrück in Hilden, 1.5.2008
Wird er Kanzlerkandidat? (Bild: Jakub Szypulka via Wikimedia Commons, Lizenz: CC-BY-SA-3.0)

Weil gerade alle Welt über den möglichen Kanzlerkandidaten Steinbrück schreibt, erlaube ich mir ganz bescheiden, mal wieder einen Text hervorzuholen, den ich im vergangenen Oktober über das Thema geschrieben habe und in dem – mal ganz unbescheiden festgestellt – im Wesentlichen das steht, was jetzt dann auch viele andere Medien schreiben. Anlass war damals der erste öffentliche Auftritt von SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier nach der Nierenspende an seine Frau. Folgendes textete ich also damals:

Er sieht gesund und gut erholt aus, aber das kann nicht über seine zentrale Schwäche hinwegtäuschen: Steinmeier ist, das versichern mir Journalisten, die lange mit ihm zusammenarbeiten, hochkompetent und hochseriös, ein absolut fähiger Politiker. Als er aber damals bei der Vergabe von Politiker-Talenten in der Schlange für diese Fähigkeiten anstand, brauchte er so lange, dass danach rhetorisches Geschick und Charisma ausverkauft waren. Der Mann mag kluge Gedanken haben, aber er bringt sie mit einer Dynamik an den Mann, dass Rüdiger Hoffmann dagegen wie ein zappeliges Energiebündel wirkt. Steinmeier redet selten frei, er liest ab und das auch noch besonders langsam.

Peer Steinbrück hat das vermutlich anders gemacht damals: Er hat sich erst eine dreifache Portion Ego abgeholt und sich dann in den Schlangen für Sachverstand und rhetorisches Geschick vermutlich rüde vorgedrängelt, einen seiner gefürchteten schnoddrigen Sprüche rausgehauen und ist dann hochzufrieden abgedampft. Im Vergleich mit Steinmeier wirkt der Ex-Finanzminister dank seines Talents zur freien Rede deutlich authentischer; klar, einfach und direkt reden konnte er ja schon immer. Das scheint bei vielen Leuten anzukommen, Steinbrück wird längst als möglicher Kanzlerkandidat gehandelt: „Ich wünsche mir sehr, dass sie wieder eine wichtige Rolle in der Politik einnehmen“, sagt eine Zuschauerin. „Sie wollen mich doch wohl nicht umbringen“, antwortet Steinbrück.

Da mag einiges an Koketterie dahinter stecken, aber wohl nicht nur. Steinbrücks direkte Art ist nämlich auch eine seiner größten Schwächen: Er schafft es nur selten, sich mal auf die Lippe zu beißen und die Zunge zu zügeln, seine Ungeduld ist legendär. Wollte er wieder vorne in der SPD mitmischen, müsste er sich hier und da gewaltig zurücknehmen. Auch bei den Genossen ist nicht vergessen, dass sie es nicht immer leicht mit ihrem Finanzminister hatten, der die Basis lieber überfuhr als überzeugte. Das spräche gegen eine Kanzlerkandidatur Steinbrücks.

Allerdings ist schwer vorstellbar, dass ein Mann mit seiner Energie und seinem Ego auf Dauer damit zufrieden ist, durch Diskussionsveranstaltungen zu tingeln. Zumal die möglichen SPD-Alternativen im Vergleich arg fad (Steinmeier) oder hallodrimäßig (Gabriel) daherkommen.

Inzwischen erlaube ich mir als Ergänzung die bescheidene Frage, wozu die SPD 2013 überhaupt einen Kanzlerkandidaten brauchen wird, wenn sie nicht mal bei all dem, was sich die schwarz-gelbe Regierung derzeit so leistet, an die 30% herankommt. Als Zählkandidat wird Steinbrück bestimmt nicht antreten wollen.

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