Wulffs Gnadengesuch

Je länger ich mir das Wulff-Interview angesehen habe, desto länger wurde mein Gesicht. Maximallänge hatte es dann bei diesem Satz erreicht:

„Es gibt auch Menschenrechte – selbst für Bundespräsidenten.“

Oh bitte. Musste das sein?

Hat das irgend jemand in den vergangenen Wochen in Abrede gestellt? Hat sich irgend ein Politiker oder sonst jemand hingestellt und gefordert, dem Präsidenten sofort die Menschenrechte zu entziehen? Hat ihm jemand das Recht auf körperliche Unversehrtheit streitig gemacht oder das Recht auf Bildung (bei einigen seiner Sätze scheint das zumindest nicht ganz unplausibel). Nein, nicht einmal CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt oder sein Parteikollege, der sogenannte Innenexperte Hans-Peter Uhl, die sich sonst für keine abwegige Forderung zu schade sind. Liebe Bettina Schausten, lieber Ulrich Deppendorf: Man hätte an der Stelle ja mal nachhaken können, inwiefern das Anlügen des niedersächsischen Landtags oder das Unterdrücken von Berichterstattung ein Menschenrecht sind.

Aber nein, das hat Wulff ja gar nicht getan. Sagt er. Und dann sagt er noch so einiges mehr, was ein wenig zweifelhaft daherkommt. Ich unterstelle mal, dass Wulff bei vollem geistigen Bewusstsein war, als er diese Sätze daher sprach, deswegen kann er im Leben nicht damit gerechnet haben, dass er mit einem seinem Stuss durchkommt bei Menschen, die halbwegs informiert über die ganze Geschichte sind. Er wollte die Berichterstattung nicht verhindern, sondern nur um einen Tag aufschieben, um Stellung nehmen zu können? Dabei hatte die Bild ihren Bericht schon von einem Montag auf einen Dienstag geschoben, um genau das zu ermöglichen. Wulff bzw. sein Pressesprecher hatte einen Fragenkatalog bekommen, der auch beantwortet wurde. Kurz vor Redaktionsschluss zog das Präsidialamt dann die Antworten zurück, wenig später kam dann der Anruf auf Diekmanns Handy. Eine Bitte um Verschiebung hätte man nicht einfacher haben können? Und dann musste man noch Verlagschef Döpfner und Großaktionärin Springer anrufen?

Oder noch besser: Er habe doch nur gewollt, dass die Bild auch schreibt, er habe den Kredit bekannt gegeben und das sei nicht durch Presserecherchen bekannt geworden. Ah ja. Mussten die Journalisten die Einsicht ins Grundbuch deswegen gerichtlich erstreiten? Wenn er wirklich den unbändigen Drang verspürte, die Geschichte öffentlich zu machen, hätte es sein Pressesprecher bestimmt hinbekommen, nach den ersten Journalistenanfragen (oder gerne auch davor) eine Pressekonferenz zu organisieren oder zumindest eine Pressemitteilung zu schreiben, in der alles drinsteht. Oder allerspätestens am 17.08.2011, als der Bundesgerichtshof entschied, dass dem Spiegel Einsicht ins Grundbuch zu Wulffs Grundstück  zu gewähren sei. Und niemand hätte ihm die Würmer nach und nach aus der Nase ziehen müssen.

Aber nein, halt, das scheibchenweise Herausrücken der Wahrheit, immer einen Schritt hinter den Presseveröffentlichungen, lag ja gar nicht an Wulff. Sondern an den blöden Medien, die fieserweise nur scheibchenweise gefragt haben. Oder am niedersächsischen Landtag, der zu ungenau gefragt hat. Er selbst wollte doch eigentlich von Anfang an raus mit der Wahrheit, es hat ihn nur keiner gefragt.

Wulffs Einlassungen decken sich nicht mit den bekannten Fakten und der Chronologie der Ereignisse bisher, um es mal vorsichtig auszudrücken. Deswegen kann er nicht ernsthaft geglaubt haben, damit bei den Hauptstadtjournalisten durchzukommen. Ist er auch nicht, wie das verheerende Presseecho zeigt. Aber ich unterstelle dem Präsidenten, dass das gar nicht das Ziel war. Er hat nicht zu den Journalisten gesprochen, sondern zu den Leuten zu Hause vor den Bildschirmen. Zu Hinz und Kunz, Andreas und Susanne, John Doe, Max Mustermann und wie sie alle heißen. Deswegen hat er sich ja auch nicht der Bundespressekonferenz mit allen dort akkreditierten Hauptstadtjournalisten gestellt, sondern sich auf ein kurzes Interview von 20 Minuten eingelassen, in das nur wenige Fragen passen und kaum Raum zum Nachfragen und Nachhaken bleibt. Die Journalisten kann er eh nicht mehr überzeugen, deswegen will er den Rest der Bevölkerung für sich einnehmen und hofft, dass diese einfach irgendwann das Interesse an der Geschichte verlieren. Er hat auf seine (bisher) große Beliebtheit gesetzt, wollte es ein bisschen menscheln lassen und sich zumindest teilweise zum Opfer der fiesen Pressemeute stilisieren, die ihm armen Menschen, der doch an vier Tagen in fünf Ländern zehn Termine am Tag hatte und dann ganz gemeine Fragen über sein Privatleben beantworten musste (Zur Erinnerung: Es ging um einen Hauskredit. Fragen zu seinem wirklichen Privatleben konnten bisher nie aufkommen, weil Wulff alles von Trennung über neue Frau bis Baby selbstständig in die Bild-Redaktion getragen hat). Er hat mit staatstragender Miene um Gnade gewinselt.

Und diese Strategie könnte sogar aufgehen. In diversen Foren schlugen gestern nach dem Interview Leser auf, die meinten, jetzt müsse auch mal gut sein mit der Hetzjagd, er habe sich doch entschuldigt, niemand sei perfekt, man wolle doch keinen Heiligen als Bundespräsident, andere Länder lachen sich doch kaputt über die Affären, die unsere armen Politiker zu erleiden haben blablabla. Natürlich regt sich in anderen Ländern niemand über derartige Geschichten auf. Aber sollten wirklich Italien, Griechenland oder Nicaragua unsere Vorbilder sein, wenn es um politische Hygiene geht? Auch Wulffs Parteifreunde meinen schon wieder, dass jetzt aber gut ist, weil man doch das Amt des Bundespräsidenten nicht durch die ständige Kritik beschädigen dürfe. Bitte? Wer beschädigt denn das Amt? Wie bitte? Die Berichterstatter und Kritiker beschädigen das Amt? Nach genau dieser Logik wurden früher die Überbringer schlechter Nachrichten geköpft?

„Ich möchte nicht Präsident in einem Land sein, wo man sich von Freunden kein Geld leihen kann“, hat Wulff gestern gesagt. Ich möchte nicht in einem Land leben, in dem der Präsident zur besten Sendezeit im Fernsehen solchen Stuss redet. Und auch noch damit durchkommt.

P.S.: Weil ich auch mal ein wenig dunkles Geraune betreiben will: Ich kann mir gut vorstellen, dass Wulff so aufgebracht war, weil er noch mehr Enthüllungen befürchtete. Seit über einem Jahr kursieren in Berlin Gerüchte über das Vorleben gewisser beteiligter Personen, die bisher nicht veröffentlicht wurden, weil die Abwägung von öffentlichem Interesse und Persönlichkeitsrechten eher dagegen spricht – nicht, weil sie nicht zu beweisen wären. Vielleicht hatte Wulff Angst, dass es sich die Bildzeitung anders überlegt hat.

P.P.S.: Wie wollte Wulff eigentlich als Ministerpräsident mit seinem Jahresgehalt von 152.400 Euro den Unterhalt seiner jetzigen und seiner vorherigen Familie bestreiten und dabei noch in fünf Jahren 500.000 Euro plus 4% Zinsen ansparen? Gut, auch seine Frau ist berufstätig, trotzdem muss da ja einiges an Geld zusammenkommen. Und wenn er nennenswert Vermögen hat: Warum hat er das dann nicht eingebracht?

2 Antworten auf „Wulffs Gnadengesuch“

  1. Wulffs Einlassungen waren eine Fortsetzung seiner Salamitaktik, wie Du schon richtig geschrieben hast. Mit dem Unterschied, dass noch eine Falschdarstellung dazukam (wahrscheinlich). Werden wir aber nur sicher wissen, wenn Diekmann den Mailbox-Auszug veröffentlicht (wird er es tun?).
    Da Wulff selbst nach dieser Affäre scheinbar an seinem Stuhl klebt, kann ich mir kaum vorstellen, dass ihn irgendetwas anderes zum Rückzug bewegen könnte (leider kann ihn ja eigentlich niemand entlassen, da er protokollarisch über der Kanzlerin steht).
    Andererseits kann ich mir irgendwie auch nicht vorstellen, dass eine Autoritätsperson im angesehensten Amt der Republik, dessen Reputation schon relativ kurz nach Amtsantritt derart beschädigt ist, wirklich die fünf Jahre voll durchstehen wird.
    Wenn sich in den nächsten Tagen nichts tut, wird er wohl tatsächlich weitermachen.

  2. Die Aussage, die Wulff getroffen hat, ist falsch und zeigt, dass er auch als Jurist ein Versager ist. Der Bundespräsident hat keine Menschenrechte. Er ist Staatsorgan und somit nicht Adressat von Grund- oder Menschenrechten. Vielmehr hat der BuPrä die Grundrechte seiner Bürger zu achten, weil er als Staatsorgan an diese gebunden ist, Art. 1 III GG. Der Mensch, der das Amt innehat, hat Grund- und Menschenrechte. Aber das ist etwas anderes, als zu sagen, der Bundespräsident habe Menschenrechte.

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