Die Meute und ihr Herdentrieb

Es hat wohl schon länger keinen 1. April gegeben, an dem sich so viele Leute haben verarschen lassen. Und im Nachhinein ist es schwer zu sagen, wer damit angefangen hat. Sicher ist, dass sich Sky mit seinem „Newssender“ ein wenig zu weit aus dem Fenster lehnte, als Christopher Lymberopoulos live auf dem Sender verkündete, Stale Solbakken sei entlassen und Frank Schaefer werde übernehmen. Lymberopoulos ist nicht irgendwer, sondern war früher Pressesprecher beim FC. Deswegen galt er als gut informiert. Das dürfte jetzt aber erst einmal vorbei sein.

Auch der Express drehte fleißig an der Spekulationsspirale und war noch deutlich früher dran als Sky. Spiegel, Focus und viele andere sprangen auf den Zug auf. Und nach und nach wurde der Konjunktiv zum Indikativ, wurde aus „nach Medienberichten“ erst „nach übereinstimmenden Medienberichten“ und dann „nach Informationen aus Vereinskreisen“; nach und nach verdichtete sich das Gerücht zum Fakt. Und als der FC für 16.30 eine Pressekonferenz verkündete, war kein Halten mehr, schon wurde über Nachfolger und Interimslösungen spekuliert.

Zugegeben: Auch ich bin fest davon ausgegangen, man würde den Trainer entlassen, warum lädt man sonst am Sonntag zu einer Pressekonferenz? Leverkusen hatte es ja gerade vorgemacht. Aber ein Beleg ist das nicht. Und so bin ich im Nachhinein heilfroh, dass wir relativ vorsichtig berichtet haben. So standen wir nicht mit heruntergelassenen Hosen da, als im Laufe des Nachmittags folgendes getwittert wurde:

@fckoeln ist der offizielle Twitterkanal des 1. FC Köln, und die Menschen, die den betreiben, haben noch ein bisschen bessere Informationen als Herr Lymberopoulos. Der stand nun ziemlich blöd da, genau wie der Express, dessen Informant den gesamten heutigen Tag vermutlich besoffen unter irgend einem Tresen verbracht hat. Und wie begründete der Express es nun, dass er sich in seinem lustigen Liveticker so gründlich verrannt hatte, wie es nur irgendwie geht? Nun ja, auf eine ziemlich bekloppte amüsante Art und Weise:

Sky-Reporter Christopher „Lymbo“ Lymberopoulos, ehemals Angestellter des Klubs, erklärte vor der Kamera, dass Frank Schaefer den FC vor dem Abstieg bewahren solle. Auch wir waren zu vorschnell und verkündeten fast ein Jahr nach Schaefers Rücktritt sein Comeback.

War doch alles nicht so schlimm, nur ein bisschen vorschnell, und außerdem haben die Anderen ja auch mitgemacht – so eine Erklärung würde ich nicht einmal meiner fünfjährigen Tochter durchgehen lassen.

Vorschnell? Liebe Leute vom Express, das ist das falsche Wort. Ihr wart nicht vorschnell, eure Info war einfach granatenmäßig falsch. Und wenn ihr sie eine Stunde oder einen Tag später rausgehauen hättet, wäre es immer noch falsch (über die Strecke von einer Woche traue ich mich jetzt nicht, eine Prognose abzugeben). Und das ist eben der Unterschied zu vorschnell.

An der Uni habe ich mal gelernt, dass Gründlichkeit im Zweifel vor Schnelligkeit geht. Das mag euch beim Express zwar irgendwie oldschool erscheinen, gilt aber immer noch. Kein Leser merkt sich, wenn ihr fünfmal ein bisschen schneller wart als die Bild oder sonstwer. Aber jeder Leser merkt sich, wenn ihr fünfmal daneben gelegen habt.

Da ich bezweifle, dass euch das interessiert, mein Appell an die anderen Medien: Schreibt das doch bitte nicht immer alles ab. Und der Satz „Die Bild mag scheiße sein, aber im Sportteil sind sie immer gut informiert“, der Satz ist scheiße. Der wird auch durch ständige Wiederholung nicht besser. Bild, Express und Co. arbeiten nach dem Schrotflinten-Prinzip: Jedes Gerücht wird rausgehauen. Und ab und an ist dann auch mal ein Treffer dabei. Aber vieles geht eben daneben. Deswegen ist das Abschreiben bei den genannten Verdächtigen eine schlechte Idee.

Ganz unwichtig ist Schnelligkeit aber natürlich auch nicht. Das sollte vielleicht mal einer dem Kölner Stadtanzeiger bzw. dessen Twitter-Kanal @ksta_fc erzählen, wo es laut Selbstauskunft „Neues vom 1. FC Köln von der KStA-Sportredaktion“ gibt. Der Kanal sieht nämlich noch immer (Stand Montagabend, 23:29 Uhr) folgendermaßen aus:

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