Unglücklich, ungerecht und unverdient?

Vor einer Woche wurde Philipp Lahm noch ausgelacht, als er nach der 2:5-Niederlage im DFB-Pokalfinale gegen den BVB postulierte, man sei doch über weite Strecken die bessere Mannschaft gewesen und die Niederlage deswegen unglücklich. Gestern widersprach niemand, im Gegenteil: Spieler, Trainer, Offizielle des FC Bayern und sogar die allermeisten Journalisten waren sich einig: Die Niederlage war unglücklich, ungerecht und unverdient. Bayern habe den Gegner an die Wand gespielt, der habe nur hintendrin gestanden, irgendwie einmal den Ball ins Tor gestolpert und dann beim Elfmeterschießen halt mehr Glück gehabt. Soweit die Legende, die außerdem bei Spielern, Verantwortlichen und Journalisten stets in einem Wort gipfelte: unerklärlich. Unerklärlich sei die Niederlage, von dunklen Mächten auf finsteren, verschlungenen Pfaden herbeigeführt. Unerklärlich und ungerecht. Ich sehe das anders und habe mal ein vier Thesen aufgestellt, die die Niederlage erklären und dem allgemeinen Tenor widersprechen.

1. Die Niederlage war nicht unverdient
Die Bayern haben gestern unglücklich verloren. 35:9 Schüsse und 20:1 Eckbälle sprechen eine deutliche Sprache. Allerdings – und für diesen Satz zahle ich gerne ins Phrasenschwein ein – man muss die Dinger eben auch reinmachen. Auch das ist eine Qualität, die Spitzenfußballer und eine Spitzenmannschaft aufweisen müssen. Gomez eher schwache Abschlüsse sind schon hinreichend beklagt worden, er ist eben kein Stürmer, den man brauchen kann, um eine dicht stehende Abwehr spielerisch auf engstem Raum aus den Angeln zu heben.

Und der eine Eckball von Chelsea war um Längen besser als alle 20, die die Bayern vors Tor gebracht haben. Robben hat nicht nur einen grotesk schlechten Elfmeter getreten, sondern auch schlechte Ecken; die meisten segelten über die Köpfe der im Strafraum wartenden Bayern hinweg oder blieben am ersten Verteidiger hängen, ebenso die Freistöße.

2. Bayern fehlte ein Leader
Nichts hasse ich mehr als die ewige deutsche Führungsspieler-Debatte. Ich weine Typen wie Ballack und Frings keine Träne nach und halte viel von flachen Hirarchien und eher moderat auftretenden Typen wie Philipp Lahm. Gestern aber hätte es mal jemanden gebraucht, der Arjen Robben den Ball aus der Hand reißt. Spätestens vor dem Elfmeter. Nachdem Robben miserable Ecke um miserable Ecke reingebracht und gefühlte 20 Mal in sinnlose Dribblings gegangen war, hätte ihn mal jemand zurechtstoßen und dafür sorgen können, dass mal ein Anderer die Standards tritt. Toni Kroos kann das ja auch ganz gut. Und wie gesagt, den Elfmeter hätte besser ein Anderer geschossen.

3. Chelsea hat gewonnen, weil die Spieler mehr wollten
Jetzt muss ich mir ein bisschen widersprechen: Eben sagte ich noch, jemand Anderes hätte schießen sollen. Aber wer denn bitte? Bayern hat ja nicht einmal fünf Spieler fürs Elfmeterschießen zusammengekriegt. Neuer schoss nicht, weil er unbedingt wollte, sondern – das hat Jupp Heynckes später bestätigt – weil sich niemand anders traute. Nun ist Neuer zwar für einen Torwart außergewöhnlich spielstark, als Elfmeterschütze ist er aber bisher nicht aufgefallen. Dass trotzdem kein anderer Spieler die Verantwortung übernehmen sollte, sagt einiges aus (nebenbei gemerkt auch über Neuers Mut, denn die Ultras hätten ihn wohl geteert und gefedert aus der Stadt gejagt, wenn er verschossen hätte).

Schweinsteiger ging zwar zum Punkt, sah aber vorher schon aus wie ein Häufchen Elend und entschied sich dann, gegen einen der besten Elfmetertöter der Welt einen verzögerten Anlauf zu machen und mal zu schauen, wohin der springt. Ein guter Torhüter wie Cech springt aber nicht zu früh und dann wird aus Sperenzken wie dem verzögerten Anlauf in der Regel ein Fehlschuss.

Ganz anders Drogba. Der sah schon vor seinem Elfmeter extrem selbstsicher aus und es war zu sehen, dass er mit jeder Faser seines Körpers den Ball ins Tor bringen wollte, genau wie er schon vorher unbedingt diesen Eckball verwandeln wollte. Dieser unbedingte Wille fehlte den Bayern.

4. Bayern war taktisch schwach
Das mag jetzt eher überraschend kommen, wenn man nochmal an die 35:9 Schüsse und 20:1 Eckbälle denkt und an die totale Feldüberlegenheit der Bayern. Das lag aber hauptsächlich daran, dass Chelsea das Mitspielen komplett verweigerte und sich nur hinten reinstellte. Sie verteidigten nicht einmal besonders gut, aber standen eben zu zehnt im eigenen Strafraum herum.

Und den Bayern fiel darauf nicht viel ein. Kaum Tempowechsel, zu wenig Bewegung im Spiel und weitgehend Angriffe nach Schema F – also Ball auf die Außen, und von dort dribbelten entweder Ribery oder Robben nach innen, wo es eh schon eng genug war, weil dort ja neben den Chelsea-Verteidigern und -Mittelfeldspielern auch Mario Gomez, Thomas Müller, Toni Kroos und diverse andere Bayern-Spieler herumstanden. Selbst wenn Chelsea mal die Mitte ein wenig entblößt hatte (was nicht so oft vorkam) wurde kein Risikopass in die Vertikale versucht, sondern der Ball quer auf den Flügel geschoben. Und wenn die Außenverteidiger mal die Außenstürmer hinterliefen, bekamen sie zwar hin und wieder den Ball, eine Flanke folgte aber eher selten. Und noch seltener waren im Angriff alle Spieler in Bewegung, gab es überraschende Spielzüge, Rochaden oder andere Überraschungsmomente. Die wenigen Konter wurden teils grotesk schlecht ausgespielt. Und weil der Kader für eine Spitzenmannschaft geradezu fahrlässig klein ist, saßen auch kaum Alternativen auf der Bank, die neue Impulse hätten bringen können: Petersen, Usami und Pranjic haben nicht die Kragenweite von Malouda, Essien oder Torres.

So reichte es zwar für 35 Torschüsse, aber darunter waren eben nur fünf wirklich große Chancen. Und die müsste man dann eben machen, womit wir wieder bei 1. wären. Und deswegen war die Niederlage zwar sicherlich unglücklich – aber eben nicht unverdient.

2 Antworten auf „Unglücklich, ungerecht und unverdient?“

  1. Hast du mal den Clip gesehen, in dem Torres sich aufregt, weil er keinen Elfmeter schießen durfte. Im Vergleich dazu eben Timoschtuk, der von Müller angemacht wurde, weil er nicht schießen wollte. LG

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