Die Nationalmannschaft und ihre Stürmer

Es gibt in Deutschland offensichtlich zwei Berufe, die so einfach sind, dass sie jeder auch ohne entsprechende Ausbildung und Berufserfahrung ausüben kann: Lehrer und Bundestrainer. Zumindest könnte der Eindruck regelmäßig entstehen, wenn man Menschen über die Personen reden hört, die diese Berufe ausüben.

Aktuell ist das wieder einmal schön an der Berufung des deutschen Kaders für die Fußball-Weltmeisterschaft 2014 zu sehen: Kaum wird bekannt, dass Shkrodan Mustafi, Marcel Schmelzer und Kevin Volland gestrichen sind, geht ein Aufheulen durchs Land (zumindest wenn man hilfsweise das Land mit meiner Twitter-Timeline gleichsetzt).

Hauptkritikpunkt: Es sind ja bis auf Miroslav Klose gar keine richtigen (Mittel-)Stürmer mit dabei. Und das im Land von Gerd Müller und Uwe Seeler, von Horst Hrubesch und Klaus Fischer, von Jürgen Klinsmann und Rudi Völler.

Gespielt hätte Volland eh nicht

Stimmt – ist aber nicht neu: Auch Volland ist eher ein Flügelspieler und als Stürmer nicht echter als etwa Thomas Müller, André Schürrle, Marco Reus, Lukas Podolski und Mario Götze. Volland ist da kein großartig anderer Spielertyp und hat einfach nicht das Niveau der genannten Spieler. Selbst wenn er im Kader geblieben wäre, gespielt hätte er ohnehin nicht.

Warum aber hat Löw dann überhaupt so wenige Stürmer in seinen vorläufigen Kader berufen, fragen viele – und untermauern das mit dem vermeintlichen Argument, dass sogar Italien fünf Stürmer im Kader habe.

Löw hat nichts gegen Stürmer – er hat keine Stürmer

Na und? Meint denn irgendjemand, dass Bundestrainer Joachim Löw einen Mario Balotelli oder einen Antonio Cassano nicht nominiert hätte, wenn er sie zur Verfügung gehabt hätte? Löw hat nichts gegen Stürmer – er hat schlicht keine Stürmer. Außerdem stehen bei Italien auch Lorenzo Insigne oder Alessio Cerci unter den Stürmern – da könnte man bei Deutschland auch einfach die gelernten Stürmer Lukas Podolski und Thomas Müller oder André Schürrle zu Klose dazuschreiben – und schon sähe das Verhältnis anders aus. Wirklich echter Mittelstürmer ist bei Italien auch nur Balotelli.

Außerdem: Gehen wir die Liste der deutschen Mittelsturm-Alternativen doch einmal durch:

  • Mario Gomez ist ein Stürmer, den Löw sehr schätzt und der in jedem Fall dabei gewesen wäre – er hat aber seit über sechs Monaten nicht vernünftig Fußball gespielt und ist damit alles andere als fit und in Topform.
  • Max Kruse war für viele überraschend nicht im vorläufigen Aufgebot. Begründet wurde dies nicht, angeblich empfing er im Nationalmannschaftshotel Damenbesuch – ein klarer Verstoß gegen die Regeln. Auf einen Spieler, der sich nicht an Regeln und Absprachen hält, kann sich ein Trainer nicht verlassen – warum also sollte er ihn nicht streichen? Und außerdem: Auch er ist kein echter Mittelstürmer.
  • Stefan Kießling ist seit Jahren nicht mehr dabei im DFB-Team, was seit Jahren kritisiert wird. Und seit Jahren frage ich mich: Warum eigentlich? Klar, Kießling schießt seit Jahren zuverlässig seine Tore in der Bundesliga. Aber auf internationaler Ebene hat er weder im Nationalteam noch im Europapokal mit Bayer Leverkusen je wirklich überzeugen können. Kießling passt außerdem nicht in das System, das Löw beim DFB spielen lässt: Seine Stärken hat er als zentraler Stürmer in einem 4-3-3-System, das auf Konter ausgerichtet ist. Wenn es schnell nach vorne geht und Räume da sind, ist er am gefährlichsten. Das Spiel mit dem Rücken zum Tor und Kombinationen auf engstem Raum sind eher nicht seine Sache. Genau das wird aber bei der Nationalmannschaft gebraucht. Kaum ein Gegner spielt gegen Deutschland offensiven Hurra-Fußball, die meisten stellen sich erst einmal hinten rein – Kießlings Stärken sind hier schlicht nicht gefragt, zumal auch die meisten der nominierten ziemlich gute Konterspieler sind, aber eben nicht nur.
  • Pierre-Michel Lasogga wird auch immer wieder genannt. Im Ernst? Der Stürmer eines Vereins, der mit 27 Punkten die Bundesliga so eben gehalten hat und bis heute selbst nicht weiß, warum? Der technisch, spielerisch und spieltaktisch äußerst limitiert daherkommt? Klar verkörpert er als robuster Brecher und Wühler einen Spielertyp, den Löw so nicht auf der Bank hat. Hier würde ein Plus an Variabilität im Kader aber ein übergroßes Minus an Qualität bedeuten, denn Löw müsste dann einen Offensivspieler draußen lassen, der Lasogga deutlich überlegen ist – und das alles für einen Spieler, der nullkommagarnicht in das praktizierte Spielsystem passt und nur für eine einzige Spielsituation – man hat wenig Zeit und braucht dringend ein Tor – überhaupt denkbar wäre.

Das zu den Stürmern. Keinerlei Diskussionen gibt es zu Mustafi, der einfach zu viele erfahrene Defensivspieler vor sich hatte und – anders als etwa ein Benedikt Höwedes – nur die Position des Innenverteidigers spielen kann.

Schmelzer war nie richtig fit

Die Personalie Schmelzer ist dann schon eher diskussionsträchtig, weil nun mit Erik Durm nur ein Linksverteidiger im Kader verbleibt und die möglichen Alternativen Höwedes, Jerome Boateng oder Kevin Großkreutz auf dieser Position nie wirklich überzeugt haben. Aber Schmelzer hat einfach ein Seuchenjahr hinter sich, war nie richtig fit und konnte auch im Trainingslager wegen einer Kniereizung zu selten mitwirken.

In Vollbesitz seiner Kräfte wäre der BVB-Linksverteidiger sicherlich dabei gewesen, so gelangte Löw offenbar zu dem Schluss, dass es nicht reicht – und da er im Gegensatz zu uns sämtliche Eindrücke aus den Trainings und der medizinischen Abteilung einfließen lassen konnte, ist es schwer, ihm da einen Fehler vorzuwerfen. Klar, mit Sami Khedira, Bastian Schweinsteiger, Philipp Lahm und Miroslav Klose sind einige angeschlagene Spieler dabei – aber die haben nunmal ein anderes Standing und auch einen deutlich größeren Wert für die Mannschaft als Schmelzer.

Ob Löw mit seinem Kader alles richtig gemacht hat, wird erst die WM in Brasilien zeigen. Bislang kann ich in seiner Kaderauswahl aber keinen Fehler erkennen.

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