Die dümmsten Schafe wählen gar nicht

Zum Beispiel das Ruhrgebiet: 38,2 Prozent in Bochum. 33,9 Prozent in Essen. Die Zahlen sind ein Desaster. Gerade einmal ein Drittel der Bürger hat sich an den Wahlen zum Oberbürgermeister beteiligt, in den meisten anderen Städten sieht das Ergebnis nicht viel besser aus. Es war eine Katastrophe, die die damalige schwarz-gelbe Landesregierung im Jahr 2007 sehenden Auges hingenommen hat, als sie auf die vollkommen irrige Idee kam, die Wahlen von Oberbürgermeistern und Stadträten zu entkoppeln.

Das allerdings ist bestenfalls eine Erklärung, keine Entschuldigung für all jene, die nicht von ihrem demokratischen Recht Gebrauch gemacht haben – und das in den sozialen Medien auch noch zu verklären versuchen.

„Nur die dümmsten Schafe wählen ihre Schlächter selber“, hieß es gestern etwa im Facebook-Kommentarbereich der WAZ, gefolgt von dem üblichen Lamento, dass man ja ohnehin nur betrogen werde und die Politiker selbst schuld seien, dass sie niemand mehr wählen gehe.

Was für ein ausgemachter Unsinn! Die dümmsten Schafe sind jene, die von ihrem Mitbestimmungsrecht keinen Gebrauch machen, auch sonst den Arsch nicht vom Sofa bekommen, um sich für eine bessere Politik oder Gesellschaft zu engagieren und dann jammern, dass nicht alles von alleine so kommt, wie sie es gerne hätten – und sich dann auch noch wortreich beklagen und das als Begründung heranziehen, beim nächsten Mal auch nicht wählen zu gehen.

Wählen kostet ganze zehn Minuten

Wie doof seid ihr eigentlich? Mich hat es am Sonntag ganze zehn Minuten gekostet, mein Mitbestimmungsrecht zu nutzen. Mal eben auf dem Weg vom Bäcker nach Hause am Wahllokal stehen zu bleiben, ist doch echt nicht viel verlangt. Und wer partout nicht vom Sofa aufstehen will, muss halt Briefwahl beantragen.

Und dann sind da noch die Spezialisten, die beklagen, dass doch alle Kandidaten scheiße seien und man doch nicht immer nur das kleinere Übel wählen könne. Doch! Genau darum geht es: die bestmögliche oder am wenigsten schlechte Wahl zu treffen. Sonst bekommt man nämlich irgendwann das größtmögliche Übel – fragt nach im Jahr 1933.

Macht es doch selbst

Und außerdem: Was hindert euch Spezialisten daran, die Auswahl der Kandidaten zu verbessern, wenn sie euch nicht passt? Engagiert euch in Parteien, nehmt Einfluss auf die Kandidatenauswahl, kandidiert selbst oder gründet gleich eine eigene Partei. Piraten und AfD haben in den vergangenen Jahren bewiesen, dass es möglich ist. Und wenn wirklich die Mehrheit im Land so denkt wie ihr – das behauptet ihr ja immer in euren Kommentaren -, dann müsste es doch ein leichtes sein, gute Wahlergebnisse zu erzielen und es diesen Politikerpfeifen mal so richtig zu zeigen.

Solange ihr das alles nicht tut, will ich euer Gejammere nicht hören. Dann ist das nämlich nichts weiter als das Sich-Einrichten in einer bequemen Opferhaltung, aus der heraus alle anderen für das verantwortlich gemacht werden können, was im eigenen Leben schief läuft: der Chef, der Arbeitgeber, das Arbeitsamt, die Ausländer oder eben in diesem Fall die Politiker.

Wählt – oder gebt Ruhe

Diese Haltung macht mich unfassbar wütend. Ich bin aufgewachsen in Kenia, einem Land, in dem sich das Volk das Recht auf freie Wahlen erkämpfen musste und immer noch muss. Und erkämpfen ist in diesem Fall kein Stück zu martialisch: Demonstrationen, Straßenschlachten, politische Morde, willkürliche Verhaftungen, Folter – all das war Teil des quälenden Prozesses von der Einparteien-Diktatur zur Mehrparteien-Demokratie. Ein Prozess, der noch immer nicht abgeschlossen ist, bei der letzten Präsidentschaftswahl etwa gab es zahlreiche Merkwürdigkeiten. Aber: Über 75 Prozent der Wahlberechtigten beteiligten sich, standen teils neun Stunden in den Schlangen vor den Wahllokalen, um ihre Stimme abzugeben.

Den meisten von uns in Deutschland sind Demokratie und Wahlrecht in den Schoß gefallen. Wir müssen nicht dafür kämpfen, wir müssen keine Gefahren dafür auf uns nehmen, wir müssen nicht einmal stundenlang dafür anstehen. Da ist es doch wirklich nicht zu viel verlangt, etwa einmal im Jahr von diesem Recht Gebrauch zu machen – oder wenigstens auf dümmliche Kommentare zu verzichten.

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