Das Märchen von der Dortmunder Geduld mit Klopp

Es gibt eine Legende, die sich hartnäckig hält im deutschen Fußball. Sie wird vor allem von Fußballtrainern am Leben gehalten, die nicht so erfolgreich sind, wie es ihr Klub und dessen Fans gerne hätten. Derzeit aber höre und lese ich sie auch immer wieder von Schalke-Fans. Das Muster ist überall gleich: Wann immer ein Trainer in Schwierigkeiten gerät, insbesondere zu Beginn seiner Amtszeit, erfolgt der Verweis auf Jürgen Klopp. Mit dem, so geht die Geschichte dann weiter, hatte Borussia Dortmund doch auch zwei Jahre Geduld, als er 2008 aus Mainz kam. Und diese Geduld wurde später mit zwei Meistertiteln, dem DFB-Pokalsieg und dem Einzug ins Champions-League-Finale belohnt. Klopp, der von seinem Klub genügend Zeit dafür bekam, führte die Borussen zurück an die deutsche und europäische Spitze. Es ist eine wirklich schöne Geschichte. Sie hat nur den Nachteil, dass sie einer genaueren Betrachtung kaum standhält.

Als Klopp zum BVB kam, war der Verein so eben noch graues Mittelmaß. Man war zwar unter Thomas Doll ins Finale des DFB-Pokals eingezogen, aber in der Liga landete man nur auf Platz 13 – das schlechteste Abschneiden der vergangenen 20 Jahre. Und der dabei gebotene Fußball war alles andere als vergnügungssteuerpflichtig.

Das waren die Voraussetzungen, als Klopp kam. Er verjüngte gemeinsam mit Sportdirektor Michael Zorc die Mannschaft konsequent, er impfte ihr einen unverwechselbaren, mitreißenden Spielstil ein – und er hatte sofort Erfolg. Natürlich, einen Titel holte der BVB nicht, aber immerhin gelang der Sprung von Platz dreizehn auf sechs. Dass die 59 erreichten Punkte nicht für das internationale Geschäft reichten, war bis dato einmalig.

Geduld war gar nicht nötig

In der Folgesaison schaffte man Platz fünf (trotz zweier Punkte weniger als im Vorjahr), dann kam der erste Meistertitel und schließlich das Double. Die angeblich so legendäre Geduld des BVB mit Klopp war also zunächst gar nicht nötig, weil eine sportliche Weiterentwicklung sofort und eine tabellarische Verbesserung ziemlich schnell sichtbar waren. Erst in der Saison 2014/15, als der BVB am 18. Spieltag auf dem letzten Tabellenplatz stand, als es hinter den Kulissen schon längst nicht mehr so harmonisch zuging, wie man davor suggerierte, hielt man ungewöhnlich lange am Trainer fest und brachte die Saison gemeinsam zu Ende – aber da hatte Klopp ja längst große Erfolge gefeiert.

Wenn also demnächst wieder ein Trainer in Schwierigkeiten auf das Beispiel Klopp verweist, ist es nicht nur ein mehr oder weniger verzweifelter Ablenkungsversuch. Es ist auch schlicht falsch.

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