Klopps vergiftetes Erbe

Ein Spoiler vorneweg: Dieser Text hat nichts mit Borussia Dortmund zu tun. Zumindest nicht im engeren Sinne. Auch nicht mit dem FC Liverpool. Ist es also nur billiges Clickbaiting, dass in der Überschrift Jürgen Klopp vorkommt? Natürlich nicht – das wird hoffentlich klar, wenn man diesen Text zu Ende liest.

Ich durfte am Montagmorgen im wirklich empfehlenswerten Podcast „Rasenfunk“ zu Gast sein, genauer gesagt in der Schlusskonferenz, wo der gesamte Spieltag noch einmal nachbesprochen wird. Dabei habe ich mich zwischenzeitlich ziemlich negativ ausgelassen über die Qualität der Bundesliga, was ich hier einmal näher ausführen möchte – und es dazu mit einer mehr oder weniger knackigen These versehe, woran das liegen könnte.

Meine Kritik in der Sendung entzündete sich an Borussia Mönchengladbach. Ich muss zugeben, dass ich diese Mannschaft nicht so oft spielen sehe. Aber wenn ich sie sehe, bin ich dann doch immer wieder überrascht, dass sie in der Tabelle so gut dasteht. Auf Platz acht zwar, aber nur mit zwei Punkten Rückstand auf Rang drei. Denn den Gladbacher Fußball derzeit finde ich reichlich bieder und uninspiriert, die Spielidee scheint mir – etwas überspitzt formuliert – zu großen Teilen darauf angelegt, den Ball irgendwie nach vorne zu Raffael oder Thorgan Hazard zu bringen und dann mal zu schauen, was die damit anfangen.

Das soll keine Grundsatzkritik an Gladbach werden, die Borussia steht für ein generelles Symptom: Es reicht derzeit offenbar, stabil zu stehen und sein System seriös umzusetzen – und schon spielt man mit um die Europapokalplätze. Als weitere Beispiele mögen Eintracht Frankfurt und Schalke 04 herhalten, die vor allem über Stabilität und Disziplin kommen, weniger über fußballerischen Glanz – und weit oben dabei sind.

Wenn man es weiter zuspitzt: In der Bundesliga gibt es nur wenige Mannschaften, die Fußball wirklich spielen, die zu einem guten Ballbesitzspiel in der Lage sind: natürlich der FC Bayern, außerdem Borussia Dortmund (obwohl sie es momentan nicht zeigen), RB Leipzig und (in der bisherigen Saison mit Abstrichen) die TSG Hoffenheim. Eine lobende Erwähnung hat sich außerdem der SC Freiburg verdient, der ebenfalls immer um spielerische Lösungen bemüht ist, das derzeit aber aufgrund qualitativer Unterlegenheit gegenüber den meisten Gegnern nicht in Ergebnisse ummünzen kann.

Der Rest der Liga kämpft Fußball eher – oder konzentriert sich darauf, den Fußball des Gegners zu verhindern. Das ist natürlich vollkommen legitim, jede Mannschaft kann spielen, wie sie will. Und die Arbeit zum Beispiel von Domenico Tedesco ist sehr positiv zu bewerten: Er lässt die Mannschaft spielen, was sie kann, passt den Stil oft dem Gegner an – und die Ergebnisse geben ihm recht. Aber es spricht eben nicht für die generelle Qualität der Liga, wenn „solide“ schon reicht, um ganz nach oben vorzustoßen.

Die Quittung dafür bekommt die Bundesliga regelmäßig im Europapokal präsentiert. Nicht immer so drastisch wie in der laufenden Saison, aber gerade in der Europa League laufen deutsche Vereine seit Jahren der Musik dramatisch hinterher. Dabei müsste das eigentlich der Wettbewerb sein, in dem eine Liga, die sich ihrer Ausgeglichenheit rühmt und gleichzeitig als eine der stärksten der Welt sieht, eine besonders starke Rolle spielt. Tut sie aber nicht. Der deutsche Defensiv-Umschalt-Fußball stößt auf europäischer Ebene an Grenzen.

Stattdessen dominieren in den vergangenen Jahren die spanischen Vereine. Bei Real Madrid und dem FC Barcelona kann man das noch zumindest teilweise mit Geld erklären. Bei den anderen Klubs nicht, die tauchen in der Umsatztabelle der europäischen Klubs nicht auf den vorderen Rängen auf.  „Spanien ist das beste Fußball-Land“, sagte Jürgen Klopp, bevor er 2016 mit Liverpool das Europa-League-Finale gegen den FC Sevilla verlor. „Es hat großartige Trainer und Scouts, eine hervorragende Ausbildung und sehr viele Spieler auf höchstem Niveau.“

In Spanien finden sich die meisten Trainer mit Uefa-A-Lizenz, und das macht sich auch in unteren Ligen bemerkbar: Die meisten Mannschaften versuchen es mit einem spielerischen Ansatz, spielen technisch und taktisch sauberen Fußball. Kaum jemand setzt nu auf kompaktes Abwehrverhalten und Umschaltspiel.

Aber warum ist das so, warum stehen die Arbeit gegen den Ball und Umschaltspiel in Deutschland so hoch im Kurs? Und jetzt kommen wir endlich zu Jürgen Klopp. Jenem Mann, der den FC Bayern als bislang letzter nachhaltig geärgert hat, der 2011 mit dem BVB Meister wurde und 2012 das Double holte – und das mit einer Mannschaft, die qualitativ weniger gut besetzt war als jene der Bayern.

Natürlich ist es falsch, Klopps Fußball nur auf Umschaltspiel und Arbeit gegen den Ball zu reduzieren, Dortmund hat in dieser Zeit auch wirklich guten Offensivfußball gezeigt. Aber Klopp definierte seinen Fußball schon vor allem gegen den Ball. Aggressives Pressing, wenn der Gegner in Ballbesitz ist – und wenn man den Ball erobert hat, geht es rasant nach vorne. Lange Ballbesitzphasen gab es wenige. „Gegenpressing ist der beste Spielmacher“, pflegte Klopp zu sagen.

Das ist keine Kritik an Klopps Herangehensweise, denn damit war er schließlich sagenhaft erfolgreich. Und was erfolgreich ist, wird kopiert. Viele Trainer und viele Klubs wollten auf einmal spielen wie Klopp, wollten den Gegner aggressiv anlaufen, wollten schnell umschalten – und verpassten dabei, dass sich der Fußball weiterentwickelte. Mit Gegenpressing und Umschaltspiel mag man stärkeren Gegnern gelegentlich den Zahn ziehen, es bleibt aber ein Underdog-Fußball. An der deutschen oder gar europäischen Spitze wird man sich so eher nicht langfristig festsetzen.

Ausgerechnet der BVB, der dafür als Vorbild diente, hat das längst erkannt, hat seinem Fußball unter Thomas Tuchel weiterentwickelt. Das Ballbesitzspiel war plötzlich die große Stärke des BVB. Die meisten übrigen Vereine haben dieses Upgrade noch nicht vollzogen.

2 Antworten auf „Klopps vergiftetes Erbe“

  1. Das beste an Klopp, und was ihn immer von ähnlich gesinnten Trainern unterschieden hat, war immer das er es geschafft hat das man ihm glaubt, das man seine Vision erreichbar ist.
    Und das ist letztlich das Problem: Nicht nur seine Mannschaften sondern sogar seine konkurrenten haben seine Vision geglaubt und setzen seine taktischen Mittel um. Im Prinzip hat Klopp den Floor für die taktische arbeit gegen den ball in die zweite etage gehoben.

    Du schreibst ja, das Klopp noch weitere Merkmale hatte die aber weniger übernommen wurden.
    In der Geschichte ist das aber kein Einzelfall sondern eher der normale Lauf der Dinge das Trainer die einfachen defensiven Taktiken übernehmen ohne die offensiven komponenten zu beachten. Das war schon so bei der WM-Formation, dem Catenaccio und dem Sacci-442.

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