Das Märchen von der Dortmunder Geduld mit Klopp

Es gibt eine Legende, die sich hartnäckig hält im deutschen Fußball. Sie wird vor allem von Fußballtrainern am Leben gehalten, die nicht so erfolgreich sind, wie es ihr Klub und dessen Fans gerne hätten. Derzeit aber höre und lese ich sie auch immer wieder von Schalke-Fans. Das Muster ist überall gleich: Wann immer ein Trainer in Schwierigkeiten gerät, insbesondere zu Beginn seiner Amtszeit, erfolgt der Verweis auf Jürgen Klopp. Mit dem, so geht die Geschichte dann weiter, hatte Borussia Dortmund doch auch zwei Jahre Geduld, als er 2008 aus Mainz kam. Und diese Geduld wurde später mit zwei Meistertiteln, dem DFB-Pokalsieg und dem Einzug ins Champions-League-Finale belohnt. Klopp, der von seinem Klub genügend Zeit dafür bekam, führte die Borussen zurück an die deutsche und europäische Spitze. Es ist eine wirklich schöne Geschichte. Sie hat nur den Nachteil, dass sie einer genaueren Betrachtung kaum standhält. „Das Märchen von der Dortmunder Geduld mit Klopp“ weiterlesen

Anfield – Der Mythos lebt

Hans-Joachim Watzke hatte vor dem Abflug nach Liverpool noch abgewiegelt, als ihn jemand nach dem Mythos Anfield fragte: „Wie so viele Mythen muss man auch den relativieren“, hatte der Geschäftsführer von Borussia Dortmund gesagt. So laut, so stimmungsvoll sei es gar nicht im legendären Stadion des FC Liverpool. Vor 20 Jahren, so habe er gehört, sei das ganz anders gewesen.

Zumindest für diesen einen Abend, für das Europa-League-Duell zwischen Liverpool und dem BVB, war das eine kolossale Fehleinschätzung. „Anfield – Der Mythos lebt“ weiterlesen

Das Ringen um Demokratie

 

Damals habe ich es nicht verstanden. Warum auf einmal Menschen mit Maschinengewehr über unser Wohnareal wachten und wir eine Zeit lang lieber nicht in die Hauptstadt fahren sollten. Wir schrieben das Jahr 1991, ich war damals acht Jahre alt, ging in die zweite Klasse und lebte in Ndakaini, einem winzigen Dorf etwa eine Autostunde von Nairobi entfernt, der Hauptstadt Kenias. Mein Vater arbeitete bei einer Baufirma, die hier einen Staudamm errichten und so die Trinkwasserversorgung für Nairobi ausbauen sollte.

Für die vielen Arbeitskräfte aus Deutschland – Ingenieure, Kaufleute, Vermesser, Vorarbeiter – hatte man hier unweit der Baustelle eine Art Siedlung aus dem Boden gestampft. Mit Häusern für die Familien, Wohnungen für die Junggesellen, Generatoren, einer Kantine, einem Klassenraum für die fünf Schulkinder und einen weiteren Raum für die Jüngeren. Inmitten von Kaffeeplantagen und Wald, umgeben von einem Zaun, der für uns Kinder selten eine wirkliche Grenze war – an dessen Öffnungen nun aber schwer bewaffnete Männer Position bezogen.

Denn der Beginn der 1990er-Jahre war eine unruhige Zeit in Kenia: Seit der Unabhängigkeit herrschte die Kenya African National Union (KANU), seit einiger Zeit auch formal in der Verfassung als einzige Partei festgeschrieben. Offiziell war es eine Einparteiendemokratie, in Wahrheit aber eine Diktatur unter dem Präsidenten Daniel Toroti’ich arap Moi. Kritiker wurden mundtot gemacht, aus der Partei ausgeschlossen, eingesperrt, verschwanden unter mysteriösen Umständen – oder wurden unter nicht weniger dubiosen Vorzeichen ermordet.

Warum ich das alles schreibe? Weil ich nach meinem Rant über die niedrige Wahlbeteiligung bei den OB-Wahlen in NRW von einer lieben Freundin die Rückmeldung bekam, dass sie gerne mehr über diesen Aspekt gelesen hätte. Weil die Wahlbeteiligung bei den folgenden Stichwahlen meist noch mieser war. Und weil es vielleicht ein bisschen besser erklärt, warum mich Leute, die ihre demokratischen Rechte mit Füßen treten und das auch noch gut finden, so aufregen. „Das Ringen um Demokratie“ weiterlesen

Sinsheimer Staugeschichten

BVB und TSG Hoffenheim vor dem Anpfiff

Das Wetter war nasskalt, es regnete, die Wischerblätter funktionierten nicht ordentlich und auf der A5 fuhren wir von einem Stau in den nächsten. Kurz: Der Kollege B. und ich hatten richtig viel Spaß auf dem Weg zum Bundesligaspiel von Borussia Dortmund bei der TSG 1899 Hoffenheim. Um 14.45 Uhr hatten wir uns in Hagen auf den Weg gemacht, da zeigte das Navi noch 17.17 Uhr als Ankunftszeit an. Um 18.38 Uhr waren wir dann tatsächlich da.

Das Spiel entschädigte nicht wirklich für die Anfahrt, gerade in Halbzeit eins war es ein mieser Kick. Dem BVB fehlte weitgehend die Struktur im Angriffsspiel. In Halbzeit zwei wurde es besser, aber immer noch nicht überragend. Immerhin hat man im Stadion der Hoffenheimer Plätze, die relativ nah dran sind am Geschehen. Und so konnten wir aus hervorragender Perspektive beobachten, wie sich TSG-Trainer Markus Gisdol gegenüber dem Schiedsrichter-Assistenten eindrucksvoll um den Titel „Wüterich der Woche“ bewarb, wie Henrikh Mkhitaryan dem BVB-Spiel nach der Pause deutlich mehr Struktur gab und wie sich Mats Hummels nach Abpfiff nicht weniger eruptiv ärgerte als vorher Gisdol.

Den BVB-Spielern war nach diesem Auftritt die Lust aufs Sprechen vergangen, erst kam nur Roman Bürki, kurz vor 23 Uhr kam noch Marcel Schmelzer. Als wir uns kurze Zeit später auf den Rückweg in die Heimat machten, war immer noch Stau rund ums Stadion. Es dauerte, bis wir freie Fahrt hatten, um kurz nach 2 Uhr waren wir in Hagen, um 2.50 Uhr hatte ich den Dienstwagen in Essen abgeliefert und um 3.15 Uhr war ich endlich zu Hause. Muss man auch nicht ständig haben, solche Fahrten.

Die dümmsten Schafe wählen gar nicht

Schaf

Zum Beispiel das Ruhrgebiet: 38,2 Prozent in Bochum. 33,9 Prozent in Essen. Die Zahlen sind ein Desaster. Gerade einmal ein Drittel der Bürger hat sich an den Wahlen zum Oberbürgermeister beteiligt, in den meisten anderen Städten sieht das Ergebnis nicht viel besser aus. Es war eine Katastrophe, die die damalige schwarz-gelbe Landesregierung im Jahr 2007 sehenden Auges hingenommen hat, als sie auf die vollkommen irrige Idee kam, die Wahlen von Oberbürgermeistern und Stadträten zu entkoppeln.

Das allerdings ist bestenfalls eine Erklärung, keine Entschuldigung für all jene, die nicht von ihrem demokratischen Recht Gebrauch gemacht haben – und das in den sozialen Medien auch noch zu verklären versuchen.
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Zeigt uns einfach ein gutes Fußballspiel!

Eines der Mysterien dieser Welt, die ich niemals verstehen werde, ist die Frage, nach welchen Kriterien ARD und ZDF entscheiden, welche DFB-Pokalspiele sie übertragen. Was auch immer dabei ausschlaggebend sein mag, sportliche Kriterien sind es offenbar in der Regel nicht.

In den ersten Pokalrunden ist die Auslese immer relativ einfach: Gezeigt wird der FC Bayern, komme was da wolle. Egal ob der Gegner der BVB oder der FC Oberneuland ist; egal, ob es am gleichen Spieltag drei, vier andere Partien gibt, die problemlos als Spitzenspiel durchgingen. Später wird es dann schwieriger, nämlich dann, wenn man – wie etwa aktuell im Viertelfinale – Rechte an zwei Livespielen hat. „Zeigt uns einfach ein gutes Fußballspiel!“ weiterlesen

Patrick Groetzki und ich

Es war einmal vor längst vergangener Zeit; die Welt war schwarz-weiß, die Erde eine Scheibe und ich im Volontariat in Pforzheim. Eines schönen Tages in jenem Oktober 2006 – ich war als erster in der Sportredaktion und hatte gerade den PC hochgefahren – betrat der Chef vom Dienst das Büro, in der Hand eine Zeitung und im Gesicht nicht eben den zufriedensten Gesichtsausdruck. Warum wir die Sache mit Patrick Groetzki denn nicht größer gemacht hätten, schließlich sei das doch ein Pforzheimer Jung und eines der größten deutschen Talente, die in die Bundesliga wechseln; das könne man doch nicht mit einem Einspalter abhandeln.

Ich versuchte souverän und kompetent zu wirken und versicherte, natürlich wüssten wir um die Wichtigkeit des Themas und würden auch noch mehr machen. Aber er wisse doch, wie das sei, die Meldung sei spät gekommen, die Seite war schon zu, es war keine Zeit und für eine größere Geschichte müsse man ja mit dem Protagonisten selbst, seinem Trainer und noch anderen Leuten sprechen. Nachdem der CvD ein wenig besänftigt das Büro verlassen hatte, schmiss ich Google an und sah erst einmal nach, wer dieser Patrick Groetzki eigentlich ist. „Patrick Groetzki und ich“ weiterlesen

Die Eigentore der Ultras

Es ist ja nicht so, dass Fußballfans im Allgemeinen und die Ultras im Speziellen derzeit über allzu gute Presse klagen könnten. Vor allem die Polizei und die deutschen Innenminister klagen derzeit lautstark über immer aufwändigere Polizeieinsätze, angeblich steigende Gewalt in und um Fußballstadien, zunehmende Straftaten und mehr Verletzte – beispielsweise in der aktuellen Studie der ZIS. Politik und Polizei erhöhen seit einiger Zeit massiv den Druck auf DFB, DFL und Vereine, doch endlich schärfere Maßnahmen gegen Gewalttäter unter ihren Fans zu ergreifen – auch und vor allem gegen Zuschauer, die Pyrotechnik abbrennen.

Wer sich seriös mit den Verlautbarungen, Argumenten und Statistiken von Polizei und Innenministern auseinandersetzt, wird eine ganze Menge Schwachstellen erkennen – nachzulesen beispielsweise hier. Und die (organisierten) Fußballfans wären gut beraten, auf diese Schwachstellen hinzuweisen und sich mit diesen argumentativ auseinanderzusetzen, was die offiziellen Vertreter auch tun. Denn sie haben viele gute Argumente auf ihrer Seite, mit denen sie auch mehr und mehr in den Medien und der Öffentlichkeit durchdringen. Vieles, was Polizei oder Verbände fordern oder vorhaben – beispielsweise die Ganzkörperkontrollen vor dem Stadion – sind nämlich ausgemachter Schwachsinn und tragen nur dazu bei, Fronten zu verhärten anstatt Probleme zu lösen. Und wer sich mit den sogenannten Studien der ZIS (also der Polizei) auseinandersetzt, wird viele methodische Schwächen finden.

An diesem Wochenende aber haben einige der Ultras sich selbst und den Fanvertretern ziemlich in den Fuß geschossen. Erst zündelten HSV-Ultras in Düsseldorf und entfachten dabei ein Transparent, einen Tag später tat es ihnen wohl die Schalker Ultra-Gruppierung „Hugos“ nach und setzten dabei auch noch die Abdeckung zu einem Ausgang in Brand. Ganz abgesehen davon, was man von Pyrotechnik halten mag – und zu meiner Meinung komme ich noch -, aber die Aktionen in Düsseldorf und auf Schalke waren an Dämlichkeit kaum zu überbieten. Indem man mitten hinein in die aktuelle Sicherheitsdebatte solche Bilder liefert, reißt man mit dem Arsch alle vernünftigen Argumente ein, die man hat oder haben könnte und liefert stattdessen Wasser auf die Mühlen aller Kritiker. Wer gegen schärfere Sicherheitsmaßnahmen oder stärkere Repressionen der Polizei ist, wird nun immer gegen diese Bilder anargumentieren müssen, die zeigen, wie es im Düsseldorfer bzw. Gelsenkirchener Stadion brennt.
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[Update] Echte Liebe, die Kirche und ein BVB-Grabstein

Eins vorweg: Ich halte die katholische Kirche in vielem für eine verstaubte, verkrustete, rückwärtsgewandte Institution – Rolle der Frau, Beteiligung der Laien, der ganze alberne Zinnober im Vatikan sind nur einige der Stichwörter, die mir einfallen. Die Kirche hinkt der Moderne in vielem ziemlich hinterher und ich weiß nicht, ob sie je ankommen wird. Und oft ist die Kirche schrecklich unpragmatisch und dogmatisch, wenn es um aktuelle Fragen und die Anpassung an den Zeitgeist geht – siehe Rolle der Frau, Beteiligung der Laien etc.

Und nun gibt es den Fall des mit neun Jahren an einem Hirntumor gestorbenen Jens Pascal, der gerne einen Grabstein mit BVB-Logo gehabt hätte – den die Gemeinde Mariä Heimsuchung in Bodelschwingh auf ihrem Friedhof aber nicht zulassen will. Und schon ist das Geschrei groß über die Intoleranz, Unmenschlichkeit, Unflexibilität und Menschenfeindlichkeit der Kirche. Die Facebook-Gruppe „Jens Pascal“ hat zigtausende Mitglieder und man muss sich nur mal einige Kommentare durchlesen, um festzustellen, dass die Kirche eher schlecht wegkommt.

Aber warum eigentlich? Natürlich habe ich absolutes Mitgefühl mit den Eltern und ihrer schwierigen Situation, aber es gibt eben auch eine andere Seite. „[Update] Echte Liebe, die Kirche und ein BVB-Grabstein“ weiterlesen

Roman für Deutschland

Seit mehreren Wochen trage ich mich mit dem Gedanken, einen Text zu verfassen, weshalb Roman Neustädter in die Nationalmannschaft gehört. Heute ist mir Joachim Löw zuvorgekommen. Schade für mich, schön für Roman Neustädter. Weil aber immer noch viele mit einem gepflegten „Häh?“ auf diese Entscheidung reagieren, möchte ich trotzdem nochmal aufschreiben, warum ich – und inzwischen wohl auch der Bundestrainer – sehr viel von dem Mittelfeldspieler halte.

Für mich war Roman Neustädter die wichtigste Verpflichtung des Sommers, noch vor Ibrahim Afellay und weit vor Tranquillo Barnetta. Ich war schon ziemlich begeistert, als der Transfer im Januar bekannt wurde, wie dieser Kommentar vielleicht in Ansätzen beweist. Für viele andere war Neustädter aber ein klassischer Ersatzspieler, was damit zu tun hat, dass seine Spielweise meist unauffällig ist – aber im modernen Fußball kaum zu ersetzen. „Roman für Deutschland“ weiterlesen