Und, wie fühlen Sie sich so?

Quasselte sich gelegentlich um Kopf und Kragen: Béla Réthy. Foto: Martin Lindner via CC BY-SA 3.0

Es war ein Spiel, dass reichlich Gesprächsstoff bot. Deutschland war mit einer überraschenden Aufstellung (zumindest, bis ein Maulwurf sie ausplauderte) angetreten; Klose, Reus und Schürrle spielten statt Gomez, Müller und Podolski. Die Wechsel gingen auf, die deutsche Offensive brillierte, erarbeitete sich Chance um Chance und traf viermal. Die Defensive dagegen erlaubte sich einige Konzentrationsschwächen und ließ die Griechen aus zwei Angriffen zwei Tore machen. Und Bastian Schweinsteiger präsentierte sich erschreckend weit entfernt von seiner Normalform. Über all das hätte man nach dem Spiel reden können, zum Beispiel mit Sami Khedira.

Auftritt Boris Büchler, Mikrofonhalter des ZDF am Spielfeldrand (hier in voller Länge anzusehen).

  • Frage 1: Wie intensiv schlägt ihr Fußballherz nach diesen 90 Minuten, nachdem Sie ein Tor gemacht und eine richtig gute Partie abgeliefert haben?
  • Frage 2: Inwiefern war es so ein Bisschen Fußball-Moderne gegen Fußball-Antike?
  • Frage 3: Wie ordnen Sie den Leistungsstand der deutschen Mannschaft ein nach dem ersten K.o.-Spiel, auch mit Blick auf die kommenden Aufgaben?

So langsam konnte man sich die Frage stellen, womit Boris Büchler die vorhergehenden 90 Minuten verbracht hatte. „Und, wie fühlen Sie sich so?“ weiterlesen

Futter für Taktikfans

Bald ist bekanntlich Europameisterschaft und das heißt, dass die große Zeit der EM-Sonderhefte wieder angebrochen ist. Ich habe vor einigen Jahren schon aufgehört, mir Sonderhefte zu kaufen. Im kicker-Heft steht alle Jahre irgendwie das gleiche drin, es werden alle Teams vorgestellt, der Ball, die Schiedsrichter, der Ball, das deutsche Quartier, ein paar Ex-Fußballer zu den Aussichten der deutschen Mannschaft interviewt und ganz hinten schreibt Django Asül eine furchtbar unkomische Kolumne. Man bekommt zwar viele Informationen, aber alle sprachlichen, optischen und gestalterischen Innovationen werden vom kicker seit Jahrzehnten tapfer ignoriert.

Die 11 Freunde-Hefte lese ich wirklich gerne, weil sie einen unkonventionellen Blick auf den Fußball riskieren und das Ganze nicht so ernst nehmen. Gelegentlich übertreiben sie allerdings damit, gerade in den Sonderheften habe ich mir zuletzt hier und da doch die eine oder andere harte Information zwischen all den lustigen kuriosen oder skurrilen Geschichten gewünscht. Und die Sport-Bild kann ich eh nicht ganz ernst nehmen.

In diesem Jahr gibt es noch ein weiteres Sonderheft von den Machern des Blogs spielverlagerung.de, den ich hier schon einmal lobend erwähnt habe. Das Heft ist nur als E-Book zu kaufen (Details gibt es hier, einige Leseproben hier), kostet 5,95 € und der erste Eindruck ist erst einmal abschreckend: 203 Din-A-4-Seiten voll mit Text, mit einer Gestaltung, von der ich behaupte, dass das Layout meiner Diplomarbeit ansprechender war.

Das Lesen lohnt aber. „Futter für Taktikfans“ weiterlesen

Recherchieren? Wozu?

Vor einiger Zeit habe ich an dieser Stelle ziemlich über das ZDF Sportstudio im Besonderen und die deutsche Sportberichterstattung im Allgemeinen aufgeregt. Auch das gegenseitige Abschreiben von Fehlinformationen und der daraus resultierende Herdentrieb war schon Thema. Vermutlich könnte man damit jeden Tag einen Blogbeitrag füllen, aber heute war es mal wieder besonders nett.

Kurz nach zehn kam die Meldung: Shinji Kagawa wechselt von Borussia Dortmund zu Manchester United. Und darin stand irgendwo der harmlose Satz, der Transfer erfolge vorbehaltlich der sportmedizinischen Untersuchung und der Arbeitserlaubnis. Und ich erinnerte mich dunkel, da in letzter Zeit etwas darüber gelesen zu haben und fand den Text nach zweiminütiger Powerrecherche bei den Kollegen von Reviersport. Unter der alarmistischen Überschrift „Kagawa-Wechsel droht zu platzen“ steht dort neben einigem anderen folgendes:

Der Transfer des Dortmunder Mittelfeldspielers zum Premier League-Klub droht an den kuriosen Statuten des englischen Fußballverbands (FA) zu scheitern. Demnach dürfen nicht EU-Ausländer ausschließlich dann ins englische Oberhaus wechseln, wenn sie in den zurückliegenden zwei Jahren mindestens 75 Prozent der Länderspiele für ihr Heimatland absolviert haben. Das trifft auf den Japaner allerdings nicht zu, denn der konnte wegen Verletzungen nur 18 der letzten 39 Länderspiele für die „Samurai Blue“ absolvieren, also etwas mehr als 50 Prozent.

Über die Schwächen beim Kopfrechnen sah ich gnädig hinweg, allerdings erzählte mir ein Kollege, er habe ähnliches auf Springers Witzportal Gerüchteküche Fußball-Portal transfermarkt.de. Allerdings sei dort von drei Jahren die Rede gewesen.

Also musste ich doch etwas tiefer in die Recherche einsteigen. „Recherchieren? Wozu?“ weiterlesen

Unglücklich, ungerecht und unverdient?

Vor einer Woche wurde Philipp Lahm noch ausgelacht, als er nach der 2:5-Niederlage im DFB-Pokalfinale gegen den BVB postulierte, man sei doch über weite Strecken die bessere Mannschaft gewesen und die Niederlage deswegen unglücklich. Gestern widersprach niemand, im Gegenteil: Spieler, Trainer, Offizielle des FC Bayern und sogar die allermeisten Journalisten waren sich einig: Die Niederlage war unglücklich, ungerecht und unverdient. Bayern habe den Gegner an die Wand gespielt, der habe nur hintendrin gestanden, irgendwie einmal den Ball ins Tor gestolpert und dann beim Elfmeterschießen halt mehr Glück gehabt. Soweit die Legende, die außerdem bei Spielern, Verantwortlichen und Journalisten stets in einem Wort gipfelte: unerklärlich. Unerklärlich sei die Niederlage, von dunklen Mächten auf finsteren, verschlungenen Pfaden herbeigeführt. Unerklärlich und ungerecht. Ich sehe das anders und habe mal ein vier Thesen aufgestellt, die die Niederlage erklären und dem allgemeinen Tenor widersprechen. „Unglücklich, ungerecht und unverdient?“ weiterlesen

Die Meute und ihr Herdentrieb

Es hat wohl schon länger keinen 1. April gegeben, an dem sich so viele Leute haben verarschen lassen. Und im Nachhinein ist es schwer zu sagen, wer damit angefangen hat. Sicher ist, dass sich Sky mit seinem „Newssender“ ein wenig zu weit aus dem Fenster lehnte, als Christopher Lymberopoulos live auf dem Sender verkündete, Stale Solbakken sei entlassen und Frank Schaefer werde übernehmen. Lymberopoulos ist nicht irgendwer, sondern war früher Pressesprecher beim FC. Deswegen galt er als gut informiert. Das dürfte jetzt aber erst einmal vorbei sein. „Die Meute und ihr Herdentrieb“ weiterlesen

Das Elend des deutschen Sportjournalismus

Katrin Müller-Hohenstein und Otto Rehagel
So sieht es aus, wenn Katrin Müller-Hohenstein arbeitet. Foto: Karl-Friedrich Hohl via CC BY 3.0

Wer am vergangenen Samstag das Sportstudio im ZDF gesehen hat, hat viel gelernt: Dieter Hecking war mal Polizist. Dieter Hecking hat ein paar Talente entdeckt, die jetzt fast alle woanders spielen. Und Dieter Hecking kann diese Talente auf Fotos erkennen. Sonst gab es nichts Berichtenswertes. Keine deutschen Top-Schiedsrichter, beispielsweise, die der Steuerhinterziehung im großen Stil verdächtigt werden. Das ZDF schaffte es tatsächlich, diese Affäre, die die ganze Woche geschwelt hatte, mit keinem Wort zu erwähnen. Vielleicht bin ich ein romantischer Idealist, aber von einer Sportsendung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen erwarte ich, dass sie so ein Thema aufgreift und vertieft, gerne mit ein wenig eigener Recherche. Um so eine Erwartung noch zu haben, dass merke ich mehr und mehr, muss man aber tapfer all die kleinen und großen Grausamkeiten ignorieren, die der ZDF-Sportredaktion immer wieder einfallen. „Das Elend des deutschen Sportjournalismus“ weiterlesen

…das war ’ne Show…

Ich muss zugeben, ich musste ziemlich schlucken, als ich nach dem dienstäglichen Hallenfußball-Kick mein Handy einschaltete und sah, mit welcher Aufstellung Schalke gedachte, in San Siro anzutreten: Matip in der Innenverteidigung? Papadopoulos als einziger Sechser, davor Baumjohann, Jurado und Farfan? „Da wird Eto’o aber Spaß haben“, meinte mein Mitspieler Clemens ob der offensiven Aufstellung und des jungen Matip im Abwehrzentrum. Zwar musste ich Ralf Rangnick zu Gute halten, dass er keine andere Wahl hatte – was auch mal wieder zeigt, wie kurios dieser Kader komponiert ist: Gefühlte 50 Spieler, aber kaum verletzen sich ein zentraler Mittelfeldspieler und ein Innenverteidiger, hängen wohl und Wehe an zwei 19-Jährigen. Dennoch machte ich innerlich schon einen Haken an das Spiel und hoffte einfach nur, dass es keine Blamage werden würde, damit all der Hohn und Spott, den ich über die Bayern-Fans unter meinen Freunden ergossen hatte, nicht doppelt und dreifach zurückkommen würde.

Dass es anders kam, ist bekannt. „…das war ’ne Show…“ weiterlesen