Da könnt‘ ja jeder kommen – Journalisten und das Web 2.0

Obwohl wir in unserer Wohnung theoretisch ein Arbeitszimmer haben, sitze ich mit meinem Laptop oft am Wohnzimmertisch. Das hat den Vorteil, dass ein Sofakissen greifbar ist, wenn sich mein Kopf mal wieder unaufhaltsam und rasend schnell der Tischplatte nähert. Anlässe dafür gibt es viele, den jüngsten liefern die Vertreter der Hauptstadtpresse, die sich in der Bundespressekonferenz (BPK) versammeln.

Seit einiger Zeit hat nämlich Regierungssprecher Steffen Seibert einen Twitter-Account, den er auch fleißig benutzt. Und, freuen sich die Journalisten über diesen neuen Informationskanal? Nun ja. Thomas Wiegold, selbst BPK-Mitglied, hat in seinem Blog einige wunderschöne Fragen der Journalisten dokumentiert, aus denen Freude und Fachkenntnis gleichermaßen hervorquellen (Streng genommen, hat er selektiert, das gesamte Protokoll findet sich hier. Und ich trete nun als Meta-Selektierer auf). Im Folgenden ein paar hübsche Auszüge – die Antworten des Vize-Regierungssprechers Christoph Steegmans sind teilweise großes Kino: „Da könnt‘ ja jeder kommen – Journalisten und das Web 2.0“ weiterlesen

Nichts als Kummer? Guttenberg in Fußnöten

Karl-Theodor zu Guttenberg
Hat er kopiert oder hat er nicht? (Bild: Strassengalerie unter CC-Lizenz)

„Sollte sich jemand […] durch unkorrektes Setzen und Zitieren oder versäumtes Setzen von Fußnoten bei insgesamt 1300 Fußnoten und 475 Seiten verletzt fühlen, so tut mir das aufrichtig leid.“

Selten wohl hat sich jemand so ungeschickt entschuldigt wie am Freitag der Herr Baron. Da wären:

  • die Formulierung: KTzG formulierte seine Entschuldigung derart verquast, dass vor lauter Verklausulierung an richtiger Entschuldigung am Ende gar nichts mehr übrig blieb.
  • das Timing: Seine Durchlaucht sprach ausgerechnet in dem Moment – und das auch nur zu ausgewählten Pressevertretern -, als sich in der Bundespressekonferenz die Hauptstadtjournalisten versammelten, die natürlich eine Menge Fragen zu dem Thema hatten und auf eine Stellungnahme des Ministeriumssprechers hofften. Die Journalisten wurden ebenso kalt erwischt wie Steffen Seibert, der die Aktion dann aber dennoch verteidigen musste – obwohl man ihm anmerken konnte, was er von der Aktion hielt. Das Video von der Veranstaltung wird von mir wärmstens empfohlen. Ob es in dieser Lage so schlau ist, die Journalisten gegen sich aufzubringen, lasse ich mal dahingestellt.

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Arbeiterführer?

Josef Ackermann: Für den starken Staat?
Josef Ackermann: Für den starken Staat? (Foto: Monika Flueckiger unter cc-Lizenz)

Man muss aufpassen, wenn Josef Ackermann redet. Viele seiner Argumente hat man schon oft genug gehört und außerdem wirkt der Chef der Deutschen Bank mit seinem Blendamed-Lächeln und seinem Schweizer Akzent immer wie ein harmloser kleine Bube; sodass man stets Gefahr läuft, sich einlullen zu lassen und es zu verpassen, wenn er etwas Bemerkenswertes raushaut. Zum Beispiel über Zusammenarbeit von Regierung und Banken in der Finanzkrise:

Da war eine hervorragende Zusammenarbeit zwischen Politik und Wirtschaft, wie ich mir das übrigens immer wünschen würde, denn unsere Konkurrenten sind eigentlich nicht Länder, wo das anders ist, sondern immer mehr Länder, bei denen Politik und Wirtschaft eng zusammenarbeiten. Das gilt für Frankreich, das gilt für England, das gilt aber vielmehr noch natürlich für China, wo wir ja geradezu im Wettbewerb stehen mit einem Staat und nicht mit einzelnen Unternehmen eines Landes. Das heißt, wir müssen überlegen, wie wir auch künftig Politik und Wirtschaft gemeinsam gestalten.

Hat der Chef der Deutschen Bank, qua Amt sozusagen oberster Kapitalist des Landes, gerade wirklich eine stärkere Industriepolitik und Einmischung des Staates in die Wirtschaft gefordert? Ich habe extra mein Diktiergerät noch einmal abgehört, er hat es gesagt. Die Medien, die heute berichten, halten das aber entweder nicht für bemerkenswert oder haben es schlicht verpennt nicht in seiner ganzen Tragweite wahrgenommen – was aber daran liegen mag, dass meisten der anwesenden Journalisten bei der SPD-Veranstaltung „Fraktion kontrovers“ mit Ackermann, Peer Steinbrück und Frank-Walter Steinmeier wohl eher wegen des Büffets als aus Interesse an der Debatte anwesend waren.

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