Wulffs Gnadengesuch

Je länger ich mir das Wulff-Interview angesehen habe, desto länger wurde mein Gesicht. Maximallänge hatte es dann bei diesem Satz erreicht:

„Es gibt auch Menschenrechte – selbst für Bundespräsidenten.“

Oh bitte. Musste das sein?

Hat das irgend jemand in den vergangenen Wochen in Abrede gestellt? Hat sich irgend ein Politiker oder sonst jemand hingestellt und gefordert, dem Präsidenten sofort die Menschenrechte zu entziehen? Hat ihm jemand das Recht auf körperliche Unversehrtheit streitig gemacht oder das Recht auf Bildung (bei einigen seiner Sätze scheint das zumindest nicht ganz unplausibel). Nein, nicht einmal CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt oder sein Parteikollege, der sogenannte Innenexperte Hans-Peter Uhl, die sich sonst für keine abwegige Forderung zu schade sind. Liebe Bettina Schausten, lieber Ulrich Deppendorf: Man hätte an der Stelle ja mal nachhaken können, inwiefern das Anlügen des niedersächsischen Landtags oder das Unterdrücken von Berichterstattung ein Menschenrecht sind.

Aber nein, das hat Wulff ja gar nicht getan. Sagt er. Und dann sagt er noch so einiges mehr, was ein wenig zweifelhaft daherkommt. „Wulffs Gnadengesuch“ weiterlesen

Das Elend des deutschen Sportjournalismus

Katrin Müller-Hohenstein und Otto Rehagel
So sieht es aus, wenn Katrin Müller-Hohenstein arbeitet. Foto: Karl-Friedrich Hohl via CC BY 3.0

Wer am vergangenen Samstag das Sportstudio im ZDF gesehen hat, hat viel gelernt: Dieter Hecking war mal Polizist. Dieter Hecking hat ein paar Talente entdeckt, die jetzt fast alle woanders spielen. Und Dieter Hecking kann diese Talente auf Fotos erkennen. Sonst gab es nichts Berichtenswertes. Keine deutschen Top-Schiedsrichter, beispielsweise, die der Steuerhinterziehung im großen Stil verdächtigt werden. Das ZDF schaffte es tatsächlich, diese Affäre, die die ganze Woche geschwelt hatte, mit keinem Wort zu erwähnen. Vielleicht bin ich ein romantischer Idealist, aber von einer Sportsendung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen erwarte ich, dass sie so ein Thema aufgreift und vertieft, gerne mit ein wenig eigener Recherche. Um so eine Erwartung noch zu haben, dass merke ich mehr und mehr, muss man aber tapfer all die kleinen und großen Grausamkeiten ignorieren, die der ZDF-Sportredaktion immer wieder einfallen. „Das Elend des deutschen Sportjournalismus“ weiterlesen

Der Tüv als Wiederholungstäter

Der Tüv Süd hat wieder zugeschlagen: Einer Zehn-Euro-Wetterstation, die bei Lidl käuflich erworben werden kann, bescheinigt er eine zuverlässige Viertagesvorhersage. Dabei macht das Gerät nichts anderes, als Außentemperatur, Luftdruck und die Innentemperatur sowie die Luftfeuchtigkeit innen zu messen. Daraus wird dann eine Viertagesprognose entwickelt. Der Ansatz ist ziemlich bescheuert drollig: Sämtliche Wettersatelliten und teuren Computersimulationen wären überflüssig, wir messen einfach die Luftfeuchtigkeit in unserer Wohnung und wissen Bescheid. Das hätte einen prima Nebeneffekt: Wenn ich das Gerät aus der Waschküche in die Sauna trage, wird das Wetter besser.

Wer übrigens meint, dass das nur ein Ausrutscher des Tüv ist und der ansonsten nur ganz tolle Sachen macht, dem sei gesagt: Die unterschiedlichen Tüvs haben schon später geplatzte Silikonbusen, dubiose interessante Finanzprodukte und einige andere Kuriositäten zertifiziert. Genaueres haben Nils Klawitter und ich vor einiger Zeit schon im Spiegel aufgeschrieben (hier als PDF erhältlich), aber man scheint beim Tüv nicht dazuzulernen.

P.S.: Zu dem Spiegel-Artikel habe ich noch sehr viel feines Material zum Thema dubiose Finanzprodukte, was ich längst schonmal hier aufschreiben wollte. Ich hoffe, ich komme mal dazu.

Blöder geht’s immer

Wenn man mir auf’s Knie haut, zuckt das Bein nach vorne. Das passiert einfach, ohne dass ich drüber nachdenken muss – ein Reflex eben. Bei Hans-Peter Uhl ist das so ähnlich: Wenn irgendwo auf der Welt etwas passiert, dann schreit er: „Vorratsdatenspeicherung!“ Auch das ist ein Reflex, der ohne Nachdenken zustande kommt – zumindest ist das noch die für Herrn Uhl schmeichelhafteste Annahme. Die Opfer sind nach den schrecklichen Attentaten in Norwegen noch nicht begraben, da stellt sich dieser sogenannte Innenexperte von der CSU schon vor das nächstbeste Mikrofon und verkündet sinngemäß, dass man solche Attentate ganz prima mit der Vorratsdatenspeicherung verhindern könne, deswegen müsse die jetzt ganz schnell kommen und bis auf diese dusselige Justizministerin würden das ja auch alle einsehen.

Wie bitte?

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…das war ’ne Show…

Ich muss zugeben, ich musste ziemlich schlucken, als ich nach dem dienstäglichen Hallenfußball-Kick mein Handy einschaltete und sah, mit welcher Aufstellung Schalke gedachte, in San Siro anzutreten: Matip in der Innenverteidigung? Papadopoulos als einziger Sechser, davor Baumjohann, Jurado und Farfan? „Da wird Eto’o aber Spaß haben“, meinte mein Mitspieler Clemens ob der offensiven Aufstellung und des jungen Matip im Abwehrzentrum. Zwar musste ich Ralf Rangnick zu Gute halten, dass er keine andere Wahl hatte – was auch mal wieder zeigt, wie kurios dieser Kader komponiert ist: Gefühlte 50 Spieler, aber kaum verletzen sich ein zentraler Mittelfeldspieler und ein Innenverteidiger, hängen wohl und Wehe an zwei 19-Jährigen. Dennoch machte ich innerlich schon einen Haken an das Spiel und hoffte einfach nur, dass es keine Blamage werden würde, damit all der Hohn und Spott, den ich über die Bayern-Fans unter meinen Freunden ergossen hatte, nicht doppelt und dreifach zurückkommen würde.

Dass es anders kam, ist bekannt. „…das war ’ne Show…“ weiterlesen

Arbeiterführer reloaded

Steinbrück in Hilden, 1.5.2008
Wird er Kanzlerkandidat? (Bild: Jakub Szypulka via Wikimedia Commons, Lizenz: CC-BY-SA-3.0)

Weil gerade alle Welt über den möglichen Kanzlerkandidaten Steinbrück schreibt, erlaube ich mir ganz bescheiden, mal wieder einen Text hervorzuholen, den ich im vergangenen Oktober über das Thema geschrieben habe und in dem – mal ganz unbescheiden festgestellt – im Wesentlichen das steht, was jetzt dann auch viele andere Medien schreiben. Anlass war damals der erste öffentliche Auftritt von SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier nach der Nierenspende an seine Frau. Folgendes textete ich also damals: „Arbeiterführer reloaded“ weiterlesen

Da könnt‘ ja jeder kommen – Journalisten und das Web 2.0

Obwohl wir in unserer Wohnung theoretisch ein Arbeitszimmer haben, sitze ich mit meinem Laptop oft am Wohnzimmertisch. Das hat den Vorteil, dass ein Sofakissen greifbar ist, wenn sich mein Kopf mal wieder unaufhaltsam und rasend schnell der Tischplatte nähert. Anlässe dafür gibt es viele, den jüngsten liefern die Vertreter der Hauptstadtpresse, die sich in der Bundespressekonferenz (BPK) versammeln.

Seit einiger Zeit hat nämlich Regierungssprecher Steffen Seibert einen Twitter-Account, den er auch fleißig benutzt. Und, freuen sich die Journalisten über diesen neuen Informationskanal? Nun ja. Thomas Wiegold, selbst BPK-Mitglied, hat in seinem Blog einige wunderschöne Fragen der Journalisten dokumentiert, aus denen Freude und Fachkenntnis gleichermaßen hervorquellen (Streng genommen, hat er selektiert, das gesamte Protokoll findet sich hier. Und ich trete nun als Meta-Selektierer auf). Im Folgenden ein paar hübsche Auszüge – die Antworten des Vize-Regierungssprechers Christoph Steegmans sind teilweise großes Kino: „Da könnt‘ ja jeder kommen – Journalisten und das Web 2.0“ weiterlesen

Nichts als Kummer? Guttenberg in Fußnöten

Karl-Theodor zu Guttenberg
Hat er kopiert oder hat er nicht? (Bild: Strassengalerie unter CC-Lizenz)

„Sollte sich jemand […] durch unkorrektes Setzen und Zitieren oder versäumtes Setzen von Fußnoten bei insgesamt 1300 Fußnoten und 475 Seiten verletzt fühlen, so tut mir das aufrichtig leid.“

Selten wohl hat sich jemand so ungeschickt entschuldigt wie am Freitag der Herr Baron. Da wären:

  • die Formulierung: KTzG formulierte seine Entschuldigung derart verquast, dass vor lauter Verklausulierung an richtiger Entschuldigung am Ende gar nichts mehr übrig blieb.
  • das Timing: Seine Durchlaucht sprach ausgerechnet in dem Moment – und das auch nur zu ausgewählten Pressevertretern -, als sich in der Bundespressekonferenz die Hauptstadtjournalisten versammelten, die natürlich eine Menge Fragen zu dem Thema hatten und auf eine Stellungnahme des Ministeriumssprechers hofften. Die Journalisten wurden ebenso kalt erwischt wie Steffen Seibert, der die Aktion dann aber dennoch verteidigen musste – obwohl man ihm anmerken konnte, was er von der Aktion hielt. Das Video von der Veranstaltung wird von mir wärmstens empfohlen. Ob es in dieser Lage so schlau ist, die Journalisten gegen sich aufzubringen, lasse ich mal dahingestellt.

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Arbeiterführer?

Josef Ackermann: Für den starken Staat?
Josef Ackermann: Für den starken Staat? (Foto: Monika Flueckiger unter cc-Lizenz)

Man muss aufpassen, wenn Josef Ackermann redet. Viele seiner Argumente hat man schon oft genug gehört und außerdem wirkt der Chef der Deutschen Bank mit seinem Blendamed-Lächeln und seinem Schweizer Akzent immer wie ein harmloser kleine Bube; sodass man stets Gefahr läuft, sich einlullen zu lassen und es zu verpassen, wenn er etwas Bemerkenswertes raushaut. Zum Beispiel über Zusammenarbeit von Regierung und Banken in der Finanzkrise:

Da war eine hervorragende Zusammenarbeit zwischen Politik und Wirtschaft, wie ich mir das übrigens immer wünschen würde, denn unsere Konkurrenten sind eigentlich nicht Länder, wo das anders ist, sondern immer mehr Länder, bei denen Politik und Wirtschaft eng zusammenarbeiten. Das gilt für Frankreich, das gilt für England, das gilt aber vielmehr noch natürlich für China, wo wir ja geradezu im Wettbewerb stehen mit einem Staat und nicht mit einzelnen Unternehmen eines Landes. Das heißt, wir müssen überlegen, wie wir auch künftig Politik und Wirtschaft gemeinsam gestalten.

Hat der Chef der Deutschen Bank, qua Amt sozusagen oberster Kapitalist des Landes, gerade wirklich eine stärkere Industriepolitik und Einmischung des Staates in die Wirtschaft gefordert? Ich habe extra mein Diktiergerät noch einmal abgehört, er hat es gesagt. Die Medien, die heute berichten, halten das aber entweder nicht für bemerkenswert oder haben es schlicht verpennt nicht in seiner ganzen Tragweite wahrgenommen – was aber daran liegen mag, dass meisten der anwesenden Journalisten bei der SPD-Veranstaltung „Fraktion kontrovers“ mit Ackermann, Peer Steinbrück und Frank-Walter Steinmeier wohl eher wegen des Büffets als aus Interesse an der Debatte anwesend waren.

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