Das Ringen um Demokratie

 

Damals habe ich es nicht verstanden. Warum auf einmal Menschen mit Maschinengewehr über unser Wohnareal wachten und wir eine Zeit lang lieber nicht in die Hauptstadt fahren sollten. Wir schrieben das Jahr 1991, ich war damals acht Jahre alt, ging in die zweite Klasse und lebte in Ndakaini, einem winzigen Dorf etwa eine Autostunde von Nairobi entfernt, der Hauptstadt Kenias. Mein Vater arbeitete bei einer Baufirma, die hier einen Staudamm errichten und so die Trinkwasserversorgung für Nairobi ausbauen sollte.

Für die vielen Arbeitskräfte aus Deutschland – Ingenieure, Kaufleute, Vermesser, Vorarbeiter – hatte man hier unweit der Baustelle eine Art Siedlung aus dem Boden gestampft. Mit Häusern für die Familien, Wohnungen für die Junggesellen, Generatoren, einer Kantine, einem Klassenraum für die fünf Schulkinder und einen weiteren Raum für die Jüngeren. Inmitten von Kaffeeplantagen und Wald, umgeben von einem Zaun, der für uns Kinder selten eine wirkliche Grenze war – an dessen Öffnungen nun aber schwer bewaffnete Männer Position bezogen.

Denn der Beginn der 1990er-Jahre war eine unruhige Zeit in Kenia: Seit der Unabhängigkeit herrschte die Kenya African National Union (KANU), seit einiger Zeit auch formal in der Verfassung als einzige Partei festgeschrieben. Offiziell war es eine Einparteiendemokratie, in Wahrheit aber eine Diktatur unter dem Präsidenten Daniel Toroti’ich arap Moi. Kritiker wurden mundtot gemacht, aus der Partei ausgeschlossen, eingesperrt, verschwanden unter mysteriösen Umständen – oder wurden unter nicht weniger dubiosen Vorzeichen ermordet.

Warum ich das alles schreibe? Weil ich nach meinem Rant über die niedrige Wahlbeteiligung bei den OB-Wahlen in NRW von einer lieben Freundin die Rückmeldung bekam, dass sie gerne mehr über diesen Aspekt gelesen hätte. Weil die Wahlbeteiligung bei den folgenden Stichwahlen meist noch mieser war. Und weil es vielleicht ein bisschen besser erklärt, warum mich Leute, die ihre demokratischen Rechte mit Füßen treten und das auch noch gut finden, so aufregen. „Das Ringen um Demokratie“ weiterlesen

Die dümmsten Schafe wählen gar nicht

Schaf

Zum Beispiel das Ruhrgebiet: 38,2 Prozent in Bochum. 33,9 Prozent in Essen. Die Zahlen sind ein Desaster. Gerade einmal ein Drittel der Bürger hat sich an den Wahlen zum Oberbürgermeister beteiligt, in den meisten anderen Städten sieht das Ergebnis nicht viel besser aus. Es war eine Katastrophe, die die damalige schwarz-gelbe Landesregierung im Jahr 2007 sehenden Auges hingenommen hat, als sie auf die vollkommen irrige Idee kam, die Wahlen von Oberbürgermeistern und Stadträten zu entkoppeln.

Das allerdings ist bestenfalls eine Erklärung, keine Entschuldigung für all jene, die nicht von ihrem demokratischen Recht Gebrauch gemacht haben – und das in den sozialen Medien auch noch zu verklären versuchen.
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