Dreiste Unternehmen, die sich mit der Leistung anderer die Taschen voll machen

Ernst Elitz war mal eine große Nummer im deutschen Journalismus, immerhin erster Intendant des Deutschlandfunks (wenn auch nicht Gründungsintendant, wie er selbst und seine Freunde von der Bild-„Zeitung“ gerne behaupten). In den letzten Jahren aber scheint er ein wenig – wie sage ich es freundlich – den Anschluss verloren zu haben an die aktuellen Entwicklungen in der Medienwelt. So fabulierte er neulich in einem Kommentar in der Bild unter der Überschrift „Ein gutes Gesetz!“ folgendes daher:

Google und andere Suchmaschinen greifen Texte ab […] und stellen sie ins Netz.

Kenner der Materie merken: Es geht ums Leistungsschutzrecht, dass vor allem die Bild und ihr Chef-Lobbyist Christopher Keese, aber auch viele andere Verlage so gerne hätten. Mit dem Leistungsschutzrecht wollen Verlage, verkürzt gesagt, erreichen, dass sie Lizenzgebühren erhalten, wenn jemand wie Google auf ihre Texte verweist. Mit vielen der mehr oder weniger sinnvollen Argumente für ein Leistungsschutzrecht hat Stefan Niggemeier sich hier und hier schon detailliert beschäftigt, das muss nicht alles wiedergegegeben werden.

Dass aber Google Texte aus Zeitungen eigenhändig online stellt, ist mir komplett neu und diesen Service würde ich mir auch für meine Arbeit wünschen – bisher müssen wir das noch selbst erledigen. Elitz beweist mal wieder, dass er zwar zu allem eine Meinung, aber nicht von allem Ahnung hat. Und falls es jemanden interessiert, was ich in dem Zitat weggelassen habe – es war folgender Einschub: „in harter Arbeit recherchiert, mit Sachverstand geschrieben“. Sachverstand. Quod erat demonstrandum.

Besonders bemerkenswert fand ich allerdings einen anderen Satz: Das Leistungsschutzrecht sei ein Gesetz, „das dreiste Unternehmen trifft, die sich mit der Leistung anderer die Taschen voll machen.“ Ich musste im ersten Moment nicht an Google & Co. denken. Denn, seien wir mal ehrlich, die Beschreibung passt auch auf viele deutsche Medienunternehmen ziemlich gut.

Weniger als 1000 Euro im Monat

Dass journalistische Arbeit angemessen entlohnt werden muss, halten diese Unternehmen nämlich meist nur dann für eine gute Idee, wenn es um das Leistungsschutzrecht geht. Wenn es dagegen um die Entlohnung von Journalisten geht, sieht die Sache ganz anders aus. Persönlich will ich mich gar nicht beklagen, meine Arbeit macht mir Spaß außerdem bin ich für einen freien Journalisten gut im Geschäft und liege mit meinem Einkommen über dem Schnitt (viele andere Akademiker aber würden über das Geld nur müde lächeln).

Den meisten Freien geht es deutlich schlechter: 40 Prozent von ihnen verdienen monatlich weniger als 1000 Euro. Dabei haben zwei Drittel von ihnen ein Studium und 40 Prozent ein Volontariat. Längst gibt es zwar Vergütungsvereinbarungen zwischen den Journalistenverbänden und den Verlagen, aber selbst die nicht besonders hohen Sätze, die darin festgeschrieben sind, werden selten eingehalten. Und was passieren kann, wenn man auf diesen Regeln besteht, hat zum Beispiel Daniel Drepper erlebt: Die Zusammenarbeit ist dann ganz schnell beendet.

Rechte für Nutzungsarten, die es noch gar nicht gibt

30 Cent und weniger – das ist der Betrag, den Verlage oft pro Zeile zu zahlen bereit sind. Bei 100 Zeilen – und das ist in einer Zeitung schon ein längerer Text – bleiben also 30 Euro. Und da kann schonmal ein Tag Arbeit drinstecken. Lokalradios zahlen ähnlich miserabel. Und für das wenige Geld sollen Journalisten dann nicht nur ein einmaliges Nutzungsrecht abtreten, sondern gleich alle Rechte, gerne auch für Nutzungsarten, die noch gar nicht erfunden sind – obwohl Gerichte wieder und wieder urteilen, dass solche Klauseln illegal sind. Aber man dann es ja versuchen, in der Hoffnung, dass sich die Urheber, deren Rechte man mit Füßen trampelt, nicht wehren.

Denn viele Zeitungsverleger beschwören zwar – gerade auf Fachtagungen – gerne den Qualitätsjournalismus, wenn er aber real etwas kostet, sind ihnen die Alternativen lieber. Und es findet sich immer einer, der die Arbeit billiger macht: Studenten am Anfang ihrer journalistischen Laufbahn, Schülerpraktikanten, Rentner und Pensionäre oder der Parteifunktionär respektive Fußballtrainer darf den Bericht gleich selbst schreiben. Gleichzeitig wundert man sich dann über sinkende Auflagen.

Outsourcing auf die ganz feine Art

Und nicht nur mit ihren freien Journalisten gehen die Medienunternehmen wenig zimperlich um: Da werden Journalisten in Tochterunternehmen ausgelagert, um die Tarifbindung zu umgehen – wenn man nicht gleich ganz aus dem Tarifvertrag aussteigt -, da werden Journalistenschulen gegründet, um Volontäre mit niedrigerem Gehalt abzuspeisen und sie am besten – real existierende Beispiele gibt es – gleich eine ganze Zeitung bauen zu lassen.

Besonders doll trieb es Lambert Lensing-Wolff, der der Lokalredaktion Münster der “Münsterschen Zeitung” mit ihren 19 Mitarbeitern am 19. Januar 2007 mitteilen ließ, dass sie überflüssig seien, ihre Arbeit ab sofort von jüngeren Redakteuren in einer anderen Firma – natürlich ohne Tarifbindung – übernommen werde. Schwacher Trost: Die Redakteure konnten – zumindest teilweise – zu reduzierten Bezügen zur neuen Firma wechseln.

Volontäre zum Spartarif

Und wie dreist es manchmal zugeht, wenn man eines der begehrten Volontariate ergattern möchte, kann Maximiliane Rüggeberg erzählen: Beim ersten Vorstellungsgespräch wurde verlamgt, dass sie zuerst eine Hospitation macht – zwölf Monate, für 1000 Euro brutto, ohne eine Garantie, dass es später mit dem Volontariat klappt.

Der zweite Verlag sagte zu, in etwa nach Tarif zu bezahlen, tatsächlich waren es 1500 Euro statt 1781 Euro brutto – für 42 Stunden pro Woche und bis zu 25 unbezahlte Überstunden. Und ein Magazin in Düsseldorf bot 1000 Euro brutto – für die Volontärsstelle wohlgemerkt.

Den Verlagen geht es besser, als sie sagen

Begründet werden solche Zahlungen immer mit der schwierigen finanziellen Situation und wirtschaftlichen Problemen der Zeitungsbranche. Das ist, gelinde gesagt, Unfug. Gut, es gibt nicht mehr die Renditen von 20 bis 30 Prozent, die Regionalzeitungen früher brachten. Aber würde Petra Grotkamp 500 Millionen Euro für den halben WAZ-Konzern ausgeben, wenn die Rendite-Aussichten so schlecht wären? Würde die Stuttgarter SWMH-Gruppe für 600 Millionen die Mehrheit an der Süddeutschen Zeitung übernehmen? Würde DuMont 150 Millionen Euro für „Berliner Zeitung“ und „Kurier“ sowie die „Hamburger Morgenpost“ ausgeben? Nicht zu vergessen Madsack, die für über 300 Millionen Euro Anteile von Springer an Regionalzeitungen gekauft haben. Die Verlage sind also gewillt, ordentlich Geld für Zukäufe in die Hand zu nehmen. So schlecht kann die Lage also nicht sein, sonst könnte man das schöne Geld ja auch anders anlegen.

Den Verlagen fehlt es also nicht an Geld, sie wollen es nur nicht so gerne mit den Journalisten teilen. Aber dreiste Unternehmen, die sich mit der Leistung anderer die Taschen voll machen – das sind die anderen.

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