Anfield – Der Mythos lebt

Hans-Joachim Watzke hatte vor dem Abflug nach Liverpool noch abgewiegelt, als ihn jemand nach dem Mythos Anfield fragte: „Wie so viele Mythen muss man auch den relativieren“, hatte der Geschäftsführer von Borussia Dortmund gesagt. So laut, so stimmungsvoll sei es gar nicht im legendären Stadion des FC Liverpool. Vor 20 Jahren, so habe er gehört, sei das ganz anders gewesen.

Zumindest für diesen einen Abend, für das Europa-League-Duell zwischen Liverpool und dem BVB, war das eine kolossale Fehleinschätzung. Vollkommen unabhängig vom Ergebnis muss ich sagen: So einen herausragenden, stimmungsvollen, atmosphärisch dichten Fußballabend habe ich noch nie erlebt – ein Satz, den es nach dem Spiel nicht nur von mir jungem Hüpfer, sondern auch von vielen altgedienten Veteranen mit mehreren Jahrzehnten Erfahrung in den Stadien der ganzen Welt zu hören gab. Emotionaler Höhepunkt war natürlich das 4:3 in der Nachspielzeit, als ein ganzes Stadion (abzüglich der 5000 Dortmunder Fans) förmlich explodierte. Selten passste die Formulierung vom infernalischen Lärm so gut wie am Donnerstagabend im Anfield.

Und schon vorher war es herausragend, was der Liverpooler Anhang bot – angefangen bei „The Kop“, der legendären früheren Stehplatztribüne, aber auch im Rest des Anfields. Das „You never walk alone“ zu Beginn, nur zu Beginn kurz vom Band unterstützt, dann leidenschaftlich weitergesungen und gebrüllt von tausenden Kehlen. Die Unterstützung, das Nach-vorne-brüllen der eigenen Mannschaft auch in scheinbar aussichtsloser Situation. Und nicht zuletzt die Schweigeminute zu Beginn, als man die sprichwörtliche Stecknadel wirklich hätte fallen hören können. Ein derart wuchtiges, dröhnendes Schweigen habe ich in einem Fußballstadion noch nie erlebt.

Und solche Wechselwirkungen zwischen Geschehen auf dem Rasen und auf der Tribüne auch nicht. Zum Beispiel beim Stand von 0:2, als es mal kurzzeitig still war. Liverpool vergab eine Großchance, Trainer Jürgen Klopp ballte die Fäuste, gestikulierte in Richtung der Tribünen – und wie auf Knopfdruck waren alle Tribünen im Anfield da. Am Donnerstag zeigte sich, warum dieser Trainer derzeit so gut nach Liverpool passt, wie er hätte wohl kaum jemand dieses Stadion emotionalisieren können. Und es war förmlich zu greifen, wie sich die Energie der Zuschauer auf die Fußballer übertrug und wie sich beide Gruppen, Spieler und Fans, immer mehr gegenseitig hochschaukelten, wie mit jeder Minute der Glaube an das Wunder, an drei Tore in gut 30 Minuten, wuchs – und wie die BVB-Spieler irgendwann schlicht überrollt wurden von der Wucht dieser Energie, dieser Atmosphäre und diesem nimmermüden Anrennen der Liverpooler.

Anfield zeigte, was in Deutschland falsch läuft

Das Beispiel England wird hierzulande oft angeführt, wenn vor Fehlentwicklungen in Sachen Fankultur gewarnt werden soll. An diesem Abend aber war es umgekehrt: Anfield zeigte, was in Deutschland in die falsche Richtung läuft. Ich bin schon länger kein Freund vom megafonunterstützten Gesangbetrieb, der sich inzwischen in allen Kurven der Bundesliga etabliert hat. So hat man zwar konstant eine akkustische Untermalung, aber nicht selten auch einen monotonen Dauersingsang. Das brauche ich nicht und das brauchte Anfield an diesem Abend auch nicht. Natürlich war das Publikum zwischenzeitlich auch einmal still: nach dem 0:2 und nach dem 1:3 etwa. Aber es wirkte stets nur wie eine Atempause. Sobald auf dem Rasen etwas passierte, waren die Zuschauer da. Dieses Publikum war über 90 Minuten ganz beim Spiel – und wenn ich ehrlich bin, habe ich dieses Gefühl in Deutschland schon lange nicht mehr gehabt.

Einen Kritikpunkt habe ich dann aber doch noch, liebe Liverpooler. Diese Presseplätze, also, puh, ich weiß ja nicht…

Nicht nur deswegen war der Abend im Anfield für nicht ganz stressfrei, der Spielverlauf tat sein Übriges. Hier mein Spielbericht und hier noch ein Nachdreh über die Erkenntnisse, die der BVB aus dem Spiel ziehen sollte und unten noch bein paar Eindrücke aus Liverpool.

Eine Antwort auf „Anfield – Der Mythos lebt“

  1. Du sprichst mir aus der Seele.

    Natürlich war das ein singuläres Ereignis in Liverpool. Natürlich wird es auch dort Spiele geben. die niemanden mitreißen. Aber meine Güte, das ist doch kein Beinbruch. Wenn kein Funke überspringt, dann eben nicht.

    Denn das ist es, was mich um die Jahrtausendwende in die Stadien trieb: Dieses Gefühl, wenn die Stimmung, die Anfeuerung tatsächlich etwas bewegt. Wenn ein Funke von den Spielern auf die Tribüne übersprang, einen Flächenbrand entzündete und diese aufgeladene Atmosphäre dann hin und her wogte. Oder auch umgekehrt: Wenn die Zuschauer spürten, die Mannschaft braucht uns jetzt und sie nach vorne peitschte. Oder in einer Abwehrschlacht den Rücken stärkte.

    Ich sehe selber ein, das von diesen Wechselwirkungen sehr viel eingebildet gewesen sein mag. Aber das ist doch immer noch besser als jede Form von Wechselwirkung von vornherein zu unterbinden und dem Spiel nicht mal zuzuschauen.

    Und natürlich gab es auch mal Spiele ohne Stimmung. In denen war halt nüscht los. Ich erinnere mich noch an ein Spiel gegen Schalke irgendwann im Sommer am legendären Bökelberg. Es war sehr heiß, alle waren lustlos, ein rechter Sommerkick. Spätestens nach einer Viertelstunde war allen im Stadion klar: Hier kann man sich heute auf den Kopf stellen, dieses Spiel wird kein anderes Ergebnis haben als 0:0 (so kam es dann auch). Was haben wir gemacht? Wir haben uns mit den im Block anwesenden Schalkern unterhalten (nur zur Erklärung: Die Südost-Ecke, für die Nordkurve hatten wir keine Karten mehr bekommen). Ja, wir haben geplaudert und ab und an einen Blick aufs Spielfeld geworfen. Passierte ja eh nüscht.

    Ich kann mich nicht erinnern, dass nach diesem Spiel irgendjemand über mangelnden Support oder fehlende Stimmung gemeckert hätte.

    Heute wäre sicher auch bei diesem Spiel von der Nordkurve unbeirrt durchgesungen worden. Der Ultra-Dauer-Support ist der laugh track des Fußballs: Seelenlos und ohne echte Reaktion auf das Geschehen.

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