Warum das BVB-Modell nichts für den DFB ist

Nachdem sich Sami Khedira im Länderspiel gegen Italien (1:1) schwer verletzt hat, schießen die Spekulationen ins Kraut: Was ist, wenn der defensive Mittelfeldmann auch für die Weltmeisterschaft ausfällt? Wer soll ihn ersetzen?

Eine Variante, die vor allem auf Twitter ins Spiel gebracht wird: Die Nationalmannschaft solle sich doch am Modell Borussia Dortmund orientieren, wo einer der zwei defensiven Mittelfeldspieler ( derzeit meist Sven Bender) vor allem destruktive Aufgaben übernimmt, während der andere (zurzeit Nuri Sahin) sich um den Spielaufbau kümmert. Man könnte also einfach einen der beisden Bender-Zwillinge neben Bastian Schweinsteiger (oder Ilkay Gündogan) im defensiven Mittelfeld aufstellen und die Sache wäre gegessen. Doch für die Nationalelf taugt dieses Modell nicht – und das aus zwei Gründen.

  1. Der Vorschlag, man könne Sami Khedira einfach durch einen Bender ersetzen, impliziert, dass Khedira bislang der Zerstörer war, der Abfangjäger vor der Viererkette. Aber das stimmt nicht. Im Zusammenspiel mit Bastian Schweinsteiger war nicht Khedira der defensive. Er hat sich meistens mit dynamischen Vorstößen ins Offensivspiel eingeschaltet, während Schweinsteiger abgesichert oder von weiter hinten das Spiel aufgezogen hat. Denn Schweinsteiger hat das wesentlich bessere Gespür für Räume, die es zu schließen gilt – und ist bei aller technischen Stärke, über die er verfügt, auch ein hervorragender Defensivzweikämpfer. Ein Bender wäre also kein Eins-zu-eins-Ersatz für Khedira.
  2. Die Nationalelf spielt ganz anders als der BVB. Will man es auf einen Satz herunterbrechen: Der BVB definiert sich über das Spiel gegen den Ball, die Nationalmannschaft über ihr Spiel mit dem Ball. Der Dortmunder Fußball beruht auf intensivem Gegenpressing, auf schnellem Umschaltspiel und möglichst vertikalen Angriffen – im Kern setzt der BVB auf Konterfußball. Sven Benders Aufgabe ist es dabei, für die Balance zu sorgen. Er muss das Offensivspiel absichern, muss Lücken zulaufen, die zwischen Angriff und Abwehr entstehen. Ins Offensivspiel selbst wird er nur selten eingebunden. Die Nationalmannschaft dagegen setzt auf Ballbesitz, auf Kombinationsspiel und längere Passstaffetten. Sie will die Gegner spielerisch aus den Angeln heben. Dafür braucht sie ballsichere Mittelfeldspieler – Sami Khedira ist zwar nicht der größte aller Pass-Spieler, mit seiner Dynamik aber trotzdem eine zusätzliche Offensivwaffe – im Gegensatz etwa zu Sven Bender.

Khedira sollte also nicht einfach durch einen reinen Zerstörer ersetzt werden, die ideale Mittelfeldkombination ohne ihn wäre Schweinsteiger plus Gündogan oder Kroos. Beide haben in den vergangenen Monaten enorm an Defensivstärke zugelegt. Offensiv bringen beide durchaus unterschiedliche Qualitäten ein, die dem Offensivspiel jeweils eine neue Prägung geben. Von seinem Potenzial her wäre eigentlich auch Roman Neustädter ein Kandidat – würde dieser nicht seit einem Jahr seiner Topform meilenweit hinterherlaufen.

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