Und, wie fühlen Sie sich so?

Quasselte sich gelegentlich um Kopf und Kragen: Béla Réthy. Foto: Martin Lindner via CC BY-SA 3.0

Es war ein Spiel, dass reichlich Gesprächsstoff bot. Deutschland war mit einer überraschenden Aufstellung (zumindest, bis ein Maulwurf sie ausplauderte) angetreten; Klose, Reus und Schürrle spielten statt Gomez, Müller und Podolski. Die Wechsel gingen auf, die deutsche Offensive brillierte, erarbeitete sich Chance um Chance und traf viermal. Die Defensive dagegen erlaubte sich einige Konzentrationsschwächen und ließ die Griechen aus zwei Angriffen zwei Tore machen. Und Bastian Schweinsteiger präsentierte sich erschreckend weit entfernt von seiner Normalform. Über all das hätte man nach dem Spiel reden können, zum Beispiel mit Sami Khedira.

Auftritt Boris Büchler, Mikrofonhalter des ZDF am Spielfeldrand (hier in voller Länge anzusehen).

  • Frage 1: Wie intensiv schlägt ihr Fußballherz nach diesen 90 Minuten, nachdem Sie ein Tor gemacht und eine richtig gute Partie abgeliefert haben?
  • Frage 2: Inwiefern war es so ein Bisschen Fußball-Moderne gegen Fußball-Antike?
  • Frage 3: Wie ordnen Sie den Leistungsstand der deutschen Mannschaft ein nach dem ersten K.o.-Spiel, auch mit Blick auf die kommenden Aufgaben?

So langsam konnte man sich die Frage stellen, womit Boris Büchler die vorhergehenden 90 Minuten verbracht hatte. Diese drei Fragen hätte er sich irgendwann nach Bekanntwerden der Paarung Deutschland-Griechenland ausdenken können, auf das Spiel ging er ja fast gar nicht ein (ganz davon abgesehen, dass ich nichts mehr hasse als ein Interview nach einem Fußballspiel, in dem der Reporter als erstes fragt, wie sich denn der Spieler gerade so fühlt).

Leider ist das nicht unbedingt untypisch für die Feldreporter , die im deutschen Fernsehen so herumspringen (ich weiß nicht, wer das war, aber der Kollege von der Uefa zumindest stellte Philipp Lahm im Anschluss deutlich gescheitere Fragen). Vor allem aber reiht es sich ein in die unfassbar miese Performance, die das ZDF bisher bei dieser EM liefert. Gut, es ist nicht alles schlecht, was das ZDF während der EM treibt: Die Twitterer habe ich schon anderswo gelobt und die taktischen Analysen von Daniel Pinschower sind ziemlich gut.

Aber was ist das alles gegen den Fernsehstrand von Usedom? Dazu ist von mir und anderen schon fast alles gesagt worden, deswegen nur die Kurzzusammenfassung: Wer auch immer beim ZDF, also einem Kanal, der krampfhaft gegen das Image eines Rentnersenders ankämpft, auf die Idee kam, die Übertragungen ausgerechnet vom Rentnerparadies Usedom aus zu veranstalten, sollte sich dringend mal untersuchen lassen.

Angeblich hatte man Angst, in Polen oder der Ukraine nicht genügend deutsche Fans aufzutreiben und dementsprechend nicht so die Stimmung in der Bude zu haben. Schlimmer als auf den Liegestühlen am Strand wäre es aber kaum geworden. Jedes Mal, wenn der ZDF-Bildredakteur den verzweifelten Versuch unternimmt, ein wenig von der Stimmung im Publikum beklatscht, wirkt es eher so, als würde das Ende eines nicht besonders gelungenen zweiten Aktes einer x-beliebigen Oper beklatscht.

Über die Qualitäten von Katrin Müller-Hohenstein und Oliver Kahn habe ich mich an anderer Stelle bereits lang und breit ausgelassen und bisher lassen die beiden keine Gelegenheit aus, mein negatives Urteil zu bestätigen. Sie stellt die gewohnt ahnungslosen Fragen und er malt zwischen gewohnt inhaltsleeren Sätzen absurd sinnfreie Kringel und Pfeile auf das Analysepult.

Besonders originell war übrigens, wie die beiden in der Bild am Sonntag die Kritik zu kontern versuchten: mit dem Verweis auf die gute Quoten bei ihrer Sendung. Geht’s noch? Zwischen euren lustigen Fernsehgarten-Auftritten spielt die deutsche Nationalmannschaft. Da gucken 20 Millionen Menschen zu. Man könnte drumherum Hallenhalma oder Synchronschwimmen zeigen und das käme auf Top-Quoten. Beim heute-journal behaupten sie ja auch nicht, sie würden derzeit besonders gute Nachrichten machen, was sich an den tollen Quoten ablesen lasse.

Die Art von Drogen, die man nehmen muss, um so zu argumentieren, hatte vor dem Spiel Deutschlands gegen Griechenland wohl auch Béla Réthy geschluckt. Ein griechischer Abwehrspieler spielt einen halbhohen Rückpass, den der Torhüter mit der Brust stoppt – und Béla brüllt: „Er hat den Ball fallen gelassen!“ Und bei einem deutschen (!) Freistoß in der griechischen Hälfte fragt er mit besorgtem Timbre in der Stimme: „Wer kümmert sich jetzt um Papadopoulos, der ist kopfballstark, auf den muss man aufpassen.“ Klar, kann man ja mal machen, bei eigenem Freistoß den gegnerischen Innenverteidiger in Manndeckung zu nehmen.

Réthy ist übrigens auch derjenige, der damals bei der WM 2010 im Spiel gegen England bemängelte, Klose hab vor dem 1:0 im Abseits gestanden. Dass es bei einem Torabstoß kein Abseits gibt, kann man als Kommentator ruhig mal wissen. Er ist auch derjenige, der eine denkwürdige Sendung hätte bestreiten können, als die Partie Frankreich gegen Ukraine wegen Regenfalls für rund eine Stunde unterbrochen war. In einer ähnlichen Situation, als vor einem Champions-League-Spiel des BVB in Madrid ein Tor umfiel und der Ersatz lange auf sich warten ließ, witzelten sich Günther Jauch und Marcel Reif zum Bayerischen Fernseh-Preis, dank Sätzen wie „Noch nie hätte ein Tor einem Spiel so gut getan“ (Marcel Reif) oder  „Für alle die, die nicht rechtzeitig eingeschaltet haben, […] das erste Tor ist schon gefallen!“ (Günther Jauch). Béla Réthy erzählte, was er am Morgen gefrühstückt hatte.

Nun kann man ihm schwerlich vorwerfen, dass er nicht auf Knopfdruck ein lustiges einstündiges Sprachfeuerwerk abbrennen konnte. Es überrascht aber, dass das ZDF anscheinend keinerlei Notfallplan für eine solche Situation hatte. Schließlich gab es neben dem Torfall von Madrid auch in der Bundesliga in der jüngeren Vergangenheit schon längere Unterbrechungen, sei es durch Stromausfall oder einen Platzsturm. Und dass beispielsweise durch Bengalos oder randalierende Fans zu einer Spielunterbrechung kommt, ist ja kein vollkommen unrealistisches Szenario, auf das man sich also hätte vorbereiten können.

Dass das ZDF dazu nicht in der Lage war – oder dass es zumindest so aussah -, rundet den mauen Eindruck ab, den die Mainzer bei dieser EM bislang hinterlassen haben.

Eine Antwort auf „Und, wie fühlen Sie sich so?“

  1. Olli Kahn kahn ja gar nicht über offensivaktionen reden. Davon hat er halt einfach keine Ahnung. Leider ist es das, was den gemeinen Fernsehzuschauer dann doch am meisten interessiert. Er erzählt uns immer nur ob der Torwart den hätte haben können. Vielen Dank für die Zusatzinformation. (Danke für den wieder richtig guten Blogeintrag!)

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